Eine Bigband und ihr Nachspiel

Ein „Langer Tag“ zum 80. Geburtstag von Vinko Globokar
am 21. Juni 2015 in Berlin, Villa Elisabeth



Wer kennt ihn nicht, den Posaunisten, Improvisator, Jazzer, Performer, Komponisten, Dirigenten; gerade feierte er seinen 80. Geburtstag und immer noch steht er auf den Brettern, die die Welt bedeuten! Auch im Juni 2015 wird er wieder präsent sein, seit sechs Jahren das erste Mal wieder in Berlin, wieder als Dirigent und Improvisator - aber natürlich zuallererst in seiner Eigenschaft als Komponist, aus dessen umfangreichem Opus wir gemeinsam mit ihm einige Werke aus den letzten 40 Jahren repräsentativ darstellen möchten.

Dabei sind wir, die Instrumentalisten des
ensemble unitedberlin, nicht allein. Das Solistenensemble PHØNIX16 wird das Vorhaben in einem der vielleicht wichtigsten Aspekte des kompositorischen Schaffens Vinko Globokars unterstützen: Denn die Formel „spielen wie sprechen“ war für viele Jahre und eine ganze Werkreihe (Discours I - IX) Globokars Forderung an seine Interpreten, mit der er auch die Interaktionen zwischen aufführenden Musikern erforschte - die Vokalkünstler von PHØNIX16 unter der Leitung von Timo Kreuser sind dafür eine ideale Ergänzung im Projekt. Auf instrumentaler Seite ist im Sinne dieser Idee Slowind mit von der Partie, das Ensemble aus Globokars Heimat Slowenien; die Slowind-Musiker treiben dort seit vielen Jahren mit dem gleichnamigen und von ihnen organisierten Festival die Verbreitung seiner Werke voran. Und nicht zuletzt ist es die Bigband Polytonique, die uns an Globokars musikalische Wurzeln führt, die ebenfalls in Ljubljana liegen. Durch die Einbeziehung seiner frühen Kompositionen und Arrangements für Bigband in unser kleines Festival (die Partituren und Aufnahmen dieser Werke tauchten erst vor Kurzem im Keller des Slowenischen Rundfunks wieder auf) bieten wir sicher ein Novum in der Globokar-Rezeption:

„Im Alter von 14 Jahren begann ich Posaune zu spielen und wurde mit 18 Jahren in die Bigband von Radio Ljubljana (dirigiert von Bojan Adamic) aufgenommen. Vormittags ging ich ins Lyzeum, nachmittags spielte ich im Radio und beendete den Tag mit dem Unterricht in der Musikschule Ljubljana.
In den 50er Jahren bestand das Repertoire der Radio-Bigband aus Kompositionen und Arrangements von Bojan Adamic und anderen jugoslawischen Arrangeuren - aber am wichtigsten war die amerikanische Musik der Orchester von Stan Kenton, Duke Ellington, Count Basie und Woody Herman. Aus dem Ausland kamen die Informationen dazu mit einer gewissen Verspätung an - aber immerhin: sie kamen an.
Als ich 21 Jahre alt war, erhielt ich ein Stipendium, um in Paris für vier Monate am Conservatoire National Supérieur Posaune zu studieren. Sehr schnell hatte ich Kontakt mit den Jazzmusikern aus der Stadt, in den dann noch folgenden vier Jahren am Conservatoire war ich Mitglied verschiedener Jazz-Orchester; das wichtigste darunter war das von Michel Legrand. Der Lead- Posaunist in diesem Orchester war Nat Peck, der während der Jahre des Zweiten Weltkriegs mit Glenn Miller spielte. An seiner Seite lernte ich fast soviel wie am Conservatoire. In dieser Zeit begann ich auch meine Kompositionsstudien bei René Leibowitz und schrieb meine ersten Arrangements. 1964 ging ich nach Berlin, um bei Luciano Berio Komposition zu studieren. Damit endete für mich eine Zeit, die des Jazz, von der ich damals glaubte, dass sie ewig dauern würde ...“
(Vinko Globokar)


Globokars Leben ist geprägt von vielen Stationen, geographisch wie professionell, darunter nimmt Berlin mit Sicherheit eine besondere Position ein: 1964 kam er als Student Luciano Berios (an der Akademie der Künste) für mehrere Jahre in unsere Stadt, in die er Anfang der 1990er zurückkehrte, um nochmals etwa zehn Jahre hier zu verbringen. Seit dieser Zeit besteht eine bis heute dauerhafte Beziehung zwischen ihm und unserem ensemble unitedberlin, in deren Folge eine Reihe von Projekten gemeinsam mit ihm konzipiert und erarbeitet wurden und in denen er das Ensemble dirigierte. Höhepunkte darunter waren

- Aufführungen seines Musiktheaters Les Émigrés in der Werkstatt der Kulturen (2003)
- „sein“ Konzert mit unitedberlin im Konzerthaus Berlin in der Reihe des Ensembles „Vom Äußersten“ (2006) als Komponist und Dirigent
- das Porträt-Programm „Tagebuch eines Kosmopoliten“ (2009), in dem er als Komponist und Solist in der Villa Elisabeth auftrat
- und zuletzt im Oktober 2013 das von unserem Ensemble bestrittene Eröffnungskonzert des Festivals
Slowind in Ljubljana, das ganz seinem Lebenswerk gewidmet war.

Eine für mich persönlich wichtige Anmerkung: Im Herbst 2005 fiel ein Schwert auf Vinko Globokar - ein schwerer gesundheitlicher Unfall warf ihn in ein wochenlanges Koma, aus dem er unter vollständigem Verlust der sechs Sprachen, derer er sich bis dahin mühelos bediente, und körperlich irreversibel versehrt wieder erwachte. Ohne seine Krankengeschichte hier ausbreiten zu wollen: Mit unbändiger eisener Willenskraft befreite er sich von der sprachlichen Barriere und arbeitete sich hart in eine physische Fitness zurück, die ihm erlaubt, wieder am Bühnengeschehen teilzunehmen - ein Comeback, das diese etwas dramatisch anmutende Schilderung verdient!
Der Unbeugsame ist also wieder da und neben der Übernahme der musikalischen Leitung wird er auch zu seinem Leben Rede und Antwort stehen. Tomaz Bajzelj, der gerade mit seiner Promotion zum Musiktheaterwerk von Globokar befasst ist, wird ihn dazu interviewen.

Für unsere Ehrung möchten wir eine möglichst große Bandbreite dieses Ausnahmekünstlers zeigen: von der weitgehend unbekannten und unerforschten Tätigkeit des jungen Jazzposaunisten und -komponisten in der Bigband des Slowenischen Rundfunks, über den improvisierenden Performer im Ensemble „New Phonic Art“ bis zum Komponisten und Interpreten, wie wir ihn heute kennen und schätzen. Dabei finden sich unter den präsentierten Werken zwei Deutsche Erstaufführungen.

Was uns als Interpreten an Globokars Oeuvre fasziniert, ist seine „emotionale“ und „soziale Kompetenz“ (sofern man diese Begriffe in diesem Zusammenhang verwenden kann), die immer wieder sein Schaffen mit seinem Leben bzw. dem Leben Anderer verbindet. Bei ihm handelt es sich nie um „Leben und Werk“, sondern um Leben
im Werk: um Musik als Rückblick auf Lebensphasen, um Musik als Bild von Werden und Vergehen und als Fragestellung zu Extremsituationen des Daseins. Immer ist die Ausgangssituation für ein neues Werk eng mit der aktuellen Lebensphase verknüpft. Das klingt im ersten Moment banal, ist aber angesichts der zeitgenössischen Produktion musikalischer Werke, deren Anregungen oft aus gegenständlichen Anreizen bzw. Überlegungen rühren, nicht unbedingt erwartbar.

Da für die Realisation vieler seiner Werke die räumliche Disposition eine wichtige Rolle spielt (das Publikum ist in seinen Aufführungen körperlich und seelisch oft stark gefordert), werden wir uns an diesem „Langen Tag des Vinko Globokar“ nicht in die tradierte Frontal- und Konzertprogrammsituation zur Hörerschaft begeben, sondern werden während der Probenprozesse einen Ablauf erarbeiten, der durchbrochen ist von den verschiedenartigen Ensemblebesetzungen und von Interviews mit dem Protagonisten. Die folgende Nennung der Werke ist also in keiner Weise als Abfolge zu verstehen:



Bigband Polytonique
Silke Eberhard, Altsaxophon, Klarinette
Lothar Ohlmeier, Bassklarinette, Tenorsaxophon
Ulrich Kempendorff, Klarinette, Tenorsaxophon
Alexander Beierbach, Tenorsaxophon, Altsaxophon
Nikolaus Leistle, Baritonsaxophon
Christian Grabandt, Trompete
Nikolaus Neuser, Trompete
Christian Magnusson, Trompete
Damir Bacikin, Trompete
Johannes Lauer, Posaune
Gerhard Gschlößl, Posaune
Florian Juncker, Posaune
Christophe Schweitzer, Bassposaune 
Jörg Schippa, Gitarre
Kristian Kowatsch, Piano
Lars Gühlcke, Bass
Kay Lübke, Drums
Simon Harrer, Conductor

Solistenensemble PHØNIX16

Sirje Aleksandra Viise, Sopran I
Eva Zwedberg, Sopran II
Veronika Böhle, Mezzosopran I
Ulrike Jahn, Mezzosopran II
Vladimir Maric-Mindoljevic, Tenor I
Magnús Hallur Jónsson, Tenor II
Jonathan Boudevin, Bariton I
Will Kwiatkoski, Bariton II
Timo Kreuser, Einstudierung

Slowind Woodwind Quintet
Aleš Kacjan, Flöte
Matej Šarc, Oboe
Jurij Jenko, Klarinette
Paolo Calligaris, Fagott
Metod Tomac, Horn

ensemble unitedberlin
Martin Glück, Flöte
Nigel Shore, Oboe
Erich Wagner, Klarinette
Stefan Siebert, Fagott
Christoph Enzel, Saxophon
Renata Bruggaier, Horn
Damir Bacikin, Trompete
Florian Juncker, Posaune
Janni Struzyk, Tuba
Friedemann Werzlau, Schlagzeug
Alexandros Giovanos, Schlagzeug
Christine Paté, Akkordeon
Katharina Hanstedt, Harfe
Enikö Ginzery, Cimbalon
Daniel Göritz, E-Gitarre
Yoriko Ikeya, Klavier
Andreas Bräutigam, Violine
Jean-Claude Velin, Viola
Lea Rahel Bader, Violoncello
Matthias Bauer, Kontrabass

Vinko Globokar und Catherine Larsen-Maguire, Leitung