Programmhefttext:

ensemble unitedberlin
Villa Elisabeth
, Invalidenstr. 3, 10115 Berlin



70 - 80 - 80:
Drei Jubiläen, drei Konzerte,
drei Blicke auf Berlin und Europa



1/3 29. Mai 2015, 20.00 Uhr
Luca Lombardi zum 70. Geburtstag:


Non Requiescat. Musica in memoria di Hanns Eisler (1973)
Psalmus VI di Josquin Desprez (1991)
Welcome and Farewell (2012)

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Ein Lied (1989)
Essay 1 A - "A chi fa notte il giorno" (1994)
Infra (1997)



Katie Bolding, Sopran
Luca Lombardi
, Sprecher
Renato Rivolta, Leitung

ensemble unitedberlin

Martin Glück, Flöte / Rafael Munoz, Oboe / Miguel Pérez Iñesta, Klarinette / Stefan Siebert, Fagott / Renata Bruggaier, Horn / Damir Bacikin, Trompete / Florian Juncker, Posaune Janni Struzyk, Tuba / Friedemann Werzlau, Schlagzeug / Eva Curth, Harfe / Yoriko Ikeya, Klavier / Biliana Voutchkova, Violine / Andreas Bräutigam, Violine / Jean-Claude Velin, Viola Lea Rahel Bader, Violoncello / Matthias Bauer, Kontrabass


Mit freundlicher Unterstützung durch das Italienische Kulturinstitut Berlin
und das
KULTUR BÜRO ELISABETH



Luca Lombardi

wurde am 24.12.1945 in Rom geboren. Er studierte Klavier und Komposition in Italien (u.a. mit A. Renzi, R. Lupi, B. Porena), in Österreich (mit K. Schiske) und in Deutschland (mit K. Stockhausen, B.A. Zimmermann, P. Dessau).
Er war zweimal bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik, einmal als Student (1969), das zweite Mal als Dozent (1996).
1975 promovierte er in Germanistik an der Universität Rom “La Sapienza”. Von 1973–1994 war er Professor für Komposition, zunächst am “Conservatorio G. Rossini”, Pesaro, dann am “Conservatorio G. Verdi”, Mailand. Seitdem ist er freischaffend.
Er hat vier Open komponiert (
Faust. Un travestimento, 1991, Dmitri, 2000, Prospero, 2006, Il re nudo, 2009), drei Sinfonien (1975, 1981, 1992), sowie zahlreiche Kompositionen für Orchester und Kammermusik, mit und ohne Stimmen.
Er hat Aufträge bekommen, darunter von: Ircam, mehreren deutschen Sendern, Schweizer Radio, Italienisches Radio, Wiener Festwochen, die Opernhäuser Basel, Leipzig, Nürnberg, Rom, Mailand (La Scala).
Er war Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin (1988/89, 1995), am Hanse Wissenschaftskolleg Delmenhorst (1998/99, 2003/04, 2010, 2012), Gast des “Berliner Künstlerprogramm des DAAD” (Berlin, 1997) und verbrachte 2002 sechs Monate in Japan auf Einladung der Japan Foundation.
Gemeinsam mit einem Akustiker und einem Musikwissenschaftler veröffentlichte er das Handbuch „Instrumentation in der Musik des 20. Jahrhunderts”, Celle, 1985.
Eine Auswahl seiner Schriften ist unter dem Titel „Construction of Freedom“ veröffentlicht worden (Baden-Baden, 2006).
2014 erschien ein ihm gewidmeter Doppelband der „Musik-Konzepte“.
Er ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.


Non Requiescat. Musica in memoria di Hanns Eisler

ist im Frühjahr 1973 entstanden. Ich war damals auf Einladung der Akademie der Künste der DDR in Berlin. Dort habe ich an der Vorbereitung einer Arbeit über Hanns Eisler gearbeitet und Studienkontakte mit Paul Dessau gehabt.
Bei einem der ersten Besuche bei Dessau erzählte ich ihm, dass ich ein Stück für Kammerorchester schreiben wollte. Er meinte, ich sollte versuchen es „brechtisch", nämlich deutlich und verständlich, gestisch zu komponieren. Ich fragte, ob und wie man eine brechtische Haltung auf die Musik, vor allem auf die ohne Text übertragen könne. Darauf antwortete Dessau: "Das kann man schon, glaube ich, es ist sehr schwer zu sagen. Übersetzen Sie es mit politischer Haltung, dann wissen Sie alles; dann werden Sie alles Ornamentale, alles Unnötige weglassen. Und was Schönberg schon sagte: Jede Note, die man schreibt, muss zu hören sein und dem allgemeinen Charakter des Stückes entsprechen. Eine politische Haltung verträgt keine Nebenerscheinungen, die etwas verundeutlichen - auch den musikalischen Text kann man verundeutlichen, durch Ornamentik, durch Überfluss.“
Ob das Stück in diesem Sinn brechtisch geworden ist, vermag ich nicht zu sagen. lch würde aber sagen, dass es sich durchaus um ein gestisches Stück handelt. Es kommen verschiedene, oft gegensätzliche Charaktere, Situationen und Haltungen drin vor, nacheinander oder auch gleichzeitig. Man könnte das Stück auch einen kleinen Essay über den Widerspruch nennen. Der Widerspruch ist übrigens auch von Eisler, in dem Maße, in dem die Gesellschaft, in der er lebte und arbeitete widersprüchlich war. Er ist aber auch unserer, in dem Maße, in dem die Grundwidersprüche heute die gleichen wie damals sind. Damit könnte man das Stück auch einen kleinen Essay zum Thema Realismus nennen. Gemeint ist freilich kein passives Spiegeln (höchstens so, dass das Spiegeln der verzerrten Züge den Abgespiegelten zum Sich-Verändern zwingen soll), sondern als kritische, parteiliche Stellungnahme.
Im Stück kommen zwei Zitate vor, aus dem „Solidaritätslied" von Brecht/ Eisler ("Vorwärts und nicht vergessen / beim Hungern und beim Essen / die Solidarität") und aus dem italienischen Arbeiterlied "Bandiera Rossa" (…bandiera rossa la trionferà…).

(L.L., März 1974)

Psalmus VI di Josquin Despres

Unter meinen Papieren gibt es eine Liste von Kompositionen, die ich hier und dort, meistens im Radio gehört habe, und die ich mir, da sie mich beeindruckt haben, aufgeschrieben habe, mit dem Wunsch, sie mir bei Gelegenheit wieder anzuhören bzw. mich mit ihnen zu beschäftigen. Als die Assoziation „Spazio Musica“ (Cagliari) mich fragte, ob ich eine Transkription einer geistlichen Vokalkomposition der Renaissance machen würde, habe ich mir meine Liste angeschaut und mehrere Kompositionen durchgelesen oder am Klavier gespielt: ich habe eine von Josquin Despres ausgewählt, weil mir ihre Helligkeit und Sinnlichkeit und Schönheit gefällt - dies alles mit grosser Einfachheit und Sinn für das Wesentliche realisiert. Welchen Sinn macht es, dieses polyphone Stück für ein Instrumentalensemble zu transkribieren? Vielleicht keinen, und bestimmt hätte ich es, wenn es diesen bestimmten Anlass nicht gegeben hätte, nicht getan. Auf der anderen Seite entsteht Vieles von dem, was wir machen, aus Zufall, zum Spiel oder aus einer Herausforderung heraus. Mit welcher Haltung mache ich mich nun daran, den Psalmus von Josquin zu transkribieren? Es ist ein wenig so, als ob ich an einem Monument vorbeigehen und es fotografieren würde, um es auf diese Weise mir gleichsam anzueignen. Mein Foto ist aber etwas tendenziös, oder besser, subjektiv. Sein Zweck ist nicht so sehr, eine wirklichkeitsgetreue Reproduktion des Originals zu erzeugen, sondern, eben, es mir anzueignen, ohne es aber unkenntlich zu machen. So hebe ich ein Detail hervor, indem ich darauf verweile oder es besonders beleuchte. Mehr als ein Foto, ist meine Version eher eine Nachahmung (so wie ein Maler nach einem Bild eines anderen Malers arbeiten kann, indem es ihm eventuell nur wenige eigene Pinselstriche hinzufügt); mehr als eine Transkription, handelt es sich wohl um eine Übersetzung – und man weiß, dass Übersetzer oft Verräter (traduttore-traditore) sind…

(L.L., 1991)


Welcome and Farewell

verwendet fast die gleiche Besetzung wie die vierzig Jahre früher entstandene Komposition
Non Requiescat. Ich freue mich, dass beide Kompositionen im selben Programm erklingen: ein altes Stück des jungen Lombardi und ein junges Stück des alten Lombardi. Ob sich die Beiden (sowohl die zwei Lombardis, als auch die zeitlich weit auseinander liegenden Kompositionen von ihm) mögen? Ich denke schon – obwohl, oder vielleicht gerade weil sie so unterschiedlich sind.
Ich begann die Komposition Mitte September 2012, zu Beginn des jüdischen Jahres 5772, und beendete sie kurz nachdem Hans Werner Henze, Freund und Nachbar in Marino (Rom), Ende Oktober desselben Jahres gestorben war. Dies erklärt den Titel (ein Willkommen-Heißen des neuen Jahres und ein Abschied von einem Freund), als auch manchen musikalischen Gestus im ersten Teil, der an bei Rosh HaShana (Neujahr) übliche Shofarklänge erinnern mag, bzw. die traurige, in sich gekehrte Stimmung des Schlusses.

(L.L., April 2015)


Ein Lied (Else Lasker-Schüler)

Hinter meinen Augen stehen Wasser,
Die muß ich alle weinen.

Immer möcht ich auffliegen,
Mit den Zugvögeln fort;

Bunt atmen mit den Winden
In der großen Luft.

O ich bin traurig . . .
Das Gesicht im Mond weiß es.

Drum ist viel samtne Andacht
Und nahender Frühmorgen um mich.

Als an deinen steinernen Herzen
Meine Flügel brachen,

Fielen die Amseln wie Trauerrosen
Hoch von blauen Gebüsch.

Alles verhaltene Gezwitscher
Will wieder jubeln,

Und ich möchte auffliegen
Mit den Zugvögeln fort.


Essay 1A – A chi fa notte il giorno

1975 schrieb ich ein Stück für Solo-Kontrabass mit dem Titel “Essay”. Fast zwanzig Jahre später erstellte ich eine vollkommen neue Version dieses Stückes unter Verwendung eines Gedichts von Michelangelo, die Nr. 75 aus seinen “Rime”. Diese Komposition kann mit oder ohne Text, bzw. mit dem italienischen Original oder der deutschen Nachdichtung von Michael Engelhard aufgeführt werden. Hier beide Versionen des Gedichts:

Egli è pur troppo a rimirarsi intorno
chi con la vista ancide i circustanti sol per mostrarsi andar diporto attorno. Egli è pur troppo a chi fa notte il giorno,
scurando il sol co' vaghi e be' sembianti,
aprirgli spesso, e chi con risi e canti ammuta altrui non esser meno adorno.

Das ist zuviel, will einer sich erkühnen,
Mit seinem Blick zu töten, wen er sieht
Wenn er sich zeigt. lustwandelt er vor ihnen.

Das ist zuviel, wenn er mit Zaubermienen,

Die Sonn’ verdunkelnd, die am Himmel zieht,
Den Tag in Nacht verwandelt.
Nicht weniger schön ist, wer der Welt mit Lied
Und Lachen, das sie schweigen heisst, erschienen.

(L.L., April 2015)

INFRA – für 11 Ausführende

Das Stück entstand im Auftrag des Hanse Wissenschaftskollegs und wurde, anlässlich seiner Einweihung im Herbst 1997 durch die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen in Delmenhorst uraufgeführt. Damals schrieb ich:
>INFRA – das, was niedrig, dunkel, tief, versteckt ist. Abläufe im Innern der Materie. Im Innern des Klanges. Der Erde (beim Komponieren dachte ich an die „Solfatara“-Quellen im Vulkangebiet in der Nähe Neapels – wo meine Wurzeln sind). Aber auch dieses kochende Dunkle und Versteckte in Innern von uns: Das „Unterbewußtsein“. Selbstverständlich also auch die tiefen Register. Die Diskantklänge sind eine Reaktion darauf oder die andere Seite der Medaille.<

(L.L., 1997)




ensemble unitedberlin

Was treiben wir da eigentlich seit 25 Jahren? Befinden wir uns mit unserer Arbeit, der Präsentation neuer Musik im Konzertsaal, noch in ähnlicher Situation wie vor fast 100 Jahren, als gerade entstandene Kompositionen ausschließlich live zu erleben waren und Anton Webern nach der Uraufführung des Pierrot lunaire in Berlin schrieb: „Aber am Schluß war nicht die Spur von Widerspruch. Schönberg und die Aufführenden mußten oft und oft kommen, vor allem natürlich Schönberg; man schrie im Saal nach ihm immer wieder. Es war ein unbedingter Erfolg.“
Nein, so ist es nicht mehr - aber das wollen wir wieder erleben!! Um eine Idee aus der Bildenden Kunst zu gebrauchen: Dafür verstehen wir uns in unserer vermittelnden Interpretenrolle als quasi Galeristen musikalischer Avantgarde - mit dem Ehrgeiz, für Schöpfer und Rezipienten zeitgenössischer Musik eine gewinnbringende Situation zu schaffen.

unitedberlin ist für die Saison 2015/16 vom Konzerthaus Berlin als Ensemble in Residence eingeladen, gemeinsam mit dem international erfolgreichen Dirigenten Vladimir Jurowski als Artistic Advisor. Damit schließt sich für Ensemble und Dirigent ein Kreis, der sich bereits vor über 20 Jahren mit gemeinsamen Konzerten und CD-Produktionen zu öffnen begann - ein neues Kapitel in der Arbeit unseres Ensembles ist aufgeschlagen …


Katie Bolding begann ihre Laufbahn als Blues- und Rocksängerin. Fünf Jahre lang war sie Leadsängerin und Gitarristin einer Blues-Rock-Band im Mittleren Westen der USA. Die Erfahrung, jede Nacht für drei Stunden im Mittelpunkt zu stehen, half ihr schließlich beim Einstieg in die Opernwelt. Ihr professionelles Debüt gab sie mit The Dallas Opera im weltberühmten Winspear Opernhaus in Dallas, Texas als Gräfin Ceprano in Verdis Rigoletto; sie beherrscht ein umfangreiches Repertoire aus Oper, Konzert und Oratorium.

Renato Rivolta wurde in Mailand geboren und studierte dort am Verdi-Konservatorium Flöte, Violine, Dirigieren und Komposition. Zwischen 1992 und 1997 leitete er mit dem Ensemble Nuove Sincronie (Mailand) hunderte Uraufführungen und Aufnahmen. In den Jahren 1996 bis 1998 war er Assistent am Ensemble Intercontemporain und arbeitete mit namhaften Komponisten wie Ligeti, Berio, Carter, Stockhausen, Grisey, Benjamin, Donatoni, Adams, Francesconi, Fedele zusammen. Seitdem ist er gefragter Dirigent großer Ensembles und Orchester in aller Welt.

Konzeption und Realisation: Andreas Bräutigam (mehr unter
unitedberlin.de)