Programmhefttext:

ensemble unitedberlin
Villa Elisabeth
, Invalidenstr. 3, 10115 Berlin


70 - 80 - 80:
Drei Jubiläen, drei Konzerte,
drei Blicke auf Berlin und Europa



2/3 7. Juni 2015, 20.00 Uhr
„… eine musikalische Abendunterhaltung, die ihm von einigen Mitgliedern des Orchesters gewährt …“ - Georg Katzer zum 80.


Georg Katzer - Eutopia (2015) (BEA)
Liza Lim - Street of Crocodiles (1995)
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Ralf Hoyer - weiter (Zustand 6) für 11 Instrumente (2015) (UA)
Auftragswerk des ensemble unitedberlin
Georg Katzer - Szene für Kammerensemble, instrumentales Theater (1975)



Vladimir Jurowski, Leitung

ensemble unitedberlin

Martin Glück, Flöte / Simon Strasser, Oboe / Erich Wagner, Klarinette / Christoph Enzel, Saxophon / Damir Bacikin, Trompete / Helmut Polster, Posaune / Christine Paté, Akkordeon Enikö Ginzery, Cimbalom / Ziv Stein, Schlagzeug / Yoriko Ikeya, Klavier / Biliana Voutchkova, Violine / Andreas Bräutigam, Violine / Stephan Kalbe, Violine / Jean-Claude Velin, Viola Lea Rahel Bader, Violoncello und Barock-Cello / Matias de Oliveira Pinto, Violoncello / Matthias Bauer, Kontrabass


Mit freundlicher Unterstützung durch
die initiative neue musik berlin und das
KULTUR BÜRO ELISABETH
Konzert des Deutschen Musikrates




Georg Katzer

geboren 1935 in Habelschwerdt, Schlesien, studierte Komposition bei Rudolf Wagner-Regeny und Ruth Zechlin in Berlin (Ost) und an der Akademie der Musischen Künste in Prag. Danach war er Meisterschüler von Hanns Eisler an der Akademie der Künste der DDR, zu deren Mitglied er im Jahre 1978 gewählt wurde. Ernennung zum Professor für Komposition in Verbindung mit einer Meisterklasse. Hier gründete er 1982 das Studio für Elektroakustische Musik, dessen künstlerischer Leiter er bis 2005 blieb. Seit 1963 lebt K. als freischaffender Komponist in und bei Berlin. Er ist Mitglied der Akademie der Künste von Berlin-Brandenburg und der Akademie für Elektroakustische Musik in Bourges/Frankreich. Gastprofessur an der Michigan State University 1980. Ehrengast der Villa Massimo, Rom, 1992. Neben seiner kompositorischen Arbeit (Kammermusik, Orchesterwerke, Solokonzerte, drei Opern, zwei Ballette, Puppenspiele) beschäftigt sich K. auch mit Computermusik, Multimedia-Projekten und Improvisation. Bei europäischen Tourneen spielte er zusammen u.a. mit Johannes Bauer, Wolfgang Fuchs, Paul Lytten, Radu Malfatti, Phil Minton, Ernst-Ludwig Petrowski, Phil Wachsman. Kompositionspreise und Auszeichnungen erhielt er in der DDR, in der Schweiz, in Frankreich, in den USA und in der Bundesrepublik Deutschland, darunter auch das Bundesverdienstkreuz. (Dies ist die knapp gefasste Version seiner Website.)


Georg Katzer - Eutopia


Das Wort Eutopie ist positiv besetzt, birgt Glücksversprechen, wird in fernerer Zukunft vermutet, ist etwas, das sich umrissener Aussagen entzieht, ist letztlich die Sehnsucht nach Vollendung. Vollendung wäre aber auch das Ende, Stillstand, totale Entropie. Deshalb kann sie nicht erreicht werden, sie ist das Nirgends. Und doch: Kann die Menschheit ohne Eutopia-Utopia (über)leben? Muss man NICHT die Hoffnung haben, dass der Hunger in der Welt zu besiegen ist, dass es KEINE Kriege mehr gibt, dass die Schönheit der Erde bewahrt bleibt?
Alle sozialen Utopien angefangen von Platon über Thomas Morus bis zu den Idealen der Französischen Revolution oder des Kommunismus: Sie waren erfolglos. Erfolgreicher waren die ins Negative laufenden sozialen Utopien. Dafür stehen Namen wie Hitler, Pol Pot, aber auch Stalin.
Das Eutopia, wenn wir es als "glücklicher Ort" übersetzen, war immer ein Anliegen der Musik, womit ist nicht unbedingt Euphonia, Schönklang gemeint ist. Schönheit entsteht erst durch Alterung, das jeweils Neue darf der Schönheit nicht hinterher laufen, um nicht im Kitsch zu landen, denn Schönheit ist ein Begriff der sich am Gesicherten, Alten orientiert. Der Begriff Schönheit ist insofern konservativ als er sich bildet am vorhandenen Kanon. Hegel: „… die Kunstschönheit ist die aus dem Geiste geborene und wiedergeborene Schönheit". Der Komponist arbeitet aber ins Unbekannte hinein. Das "Schöne" ist nicht sein erstes Ziel. Insofern eignet jeder Neuen Musik etwas Utopisches, noch nicht Verwirklichtes.

(G.K.)

Liza Lim - Street of Crocodiles

Liza Lim unterlegt ihrer Street of Crocodiles ein Szenario aus einem Werk der Welt-Literatur des 20. Jahrhunderts. Sie führt uns mit ihrer Musik und der Erzählung des sprachgewaltigen Bruno Schulz (aus seinem Band "Die Zimtläden“) in die fantastische Welt einer Straße seiner kleinen polnischen Heimatstadt. In der "Krokodilstraße" gibt es Dinge, die glaubt man nicht: Droschken ohne Fahrer, Eisenbahnen ohne Schienen und ohne Fahrplan oder -strecke, Teile von Menschen, die darin irgendwie agieren ... alles ist verrückt. Ebenso die Besetzung in Lims Werk - neben dem erwartbaren Instrumentarium zeitgenössischer Kompositionen sucht ein Barock-Cello den Anschluss an die klangliche Welt des Ensembles. Alles nicht weit entfernt von "instrumentalen Theater" Georg Katzers.

Liza Lim wurde als Kind chinesischer Vorfahren im australischen Perth geboren und wuchs in Brunei auf. Sie studierte Philosophie in Queensland und Komposition bei Riccardo Formosa in Melbourne und bei Ton de Leeuw in Amsterdam.
Ihre Kompositionsweise zeichnet sich durch die Verknüpfung verschiedener kultureller Einflüsse aus. So kombiniert sie die Ästhetik der zeitgenössischen abendländischen Musik mit chinesischen, japanischen und koreanischen Einflüssen und der Klangwelt der australischen Ureinwohner.


Ralf Hoyer - weiter (Zustand 6) für 11 Instrumente

weit - weiter - am weitesten? oder erweiterung? oder  weiter voran?  
wie auch immer: es ist vor allem der zustand des unsteten, des flüchtigen, des dort-wo-man-ist-nicht-sein-wollens, dem ich in dieser arbeit nachspüre, dem ich die musiker für 11 minuten aussetze…  

(R.H.)

Ralf Hoyer, 1950 geboren in Berlin / Tonmeisterstudium an der Hochschule für Musik “Hanns Eisler“ Berlin / 1977-1980 Meisterschüler für Komposition an der Akademie der Künste bei Ruth Zechlin und Georg Katzer, seitdem freischaffend / Kompositionen für kammermusikalische Besetzungen, Chor, Orchester, Kammeroper und elektronische Musik / Arbeiten für Hörspiel, Theater, Film / Aufträge von internationalen Festivals, Theatern und Rundfunksendern, Aufführungen in Europa, den USA sowie zu den Weltmusiktagen der ISCM 2006 in Stuttgart


Georg Katzer - Szene für Kammerensemble, instrumentales Theater

"Goethe hatte gewünscht, das Quartett eines jungen berühmten Komponisten zu hören, welches man zunächst aufführte." Dieser Satz findet sich in den Aufzeichnungen Eckermanns nach den Gesprächen mit dem Dichter. Der nüchternen Feststellung folgen einige Äußerungen Goethes zum eben aufgeführten Stück und (wie auch an anderen Stellen des Buches) zu Musik ganz allgemein. Da sich beim Lesen Widerspruch in mir meldete, interessierte mich die Frage: Um welche Komposition welches Komponisten konnte es sich gehandelt haben? Datumsvergleiche und einige Bemerkungen Goethes zum Charakter der einzelnen Sätze führten mich auf die Fährte des Klavierquartetts op. 1 Nr. 3 in h-moll von Mendelssohn, das kürzlich in Leipzig uraufgeführt worden war. Das Kopfthema des ersten sowie das Thema des zweiten Satzes dienten mir als "Steinbruch", aus dem ich einen Teil meines Materials bezog. Der respektlose Umgang mit den Goethe-Zitaten möge man mir nicht als Häme gegenüber dem Genie deuten. Unverständnis gegenüber Neuer Musik ist ein verbreitetes Phänomen und, wie wir sehen, kein neues. Es aus so "berufenem Munde" zu hören stimmt nachdenklich und auch heiter. Vergessen wir nicht: Es handelte sich um Mendelssohn!

(G.K.)



ensemble unitedberlin

Was treiben wir da eigentlich seit 25 Jahren? Befinden wir uns mit unserer Arbeit, der Präsentation neuer Musik im Konzertsaal, noch in ähnlicher Situation wie vor fast 100 Jahren, als gerade entstandene Kompositionen ausschließlich live zu erleben waren und Anton Webern nach der Uraufführung des Pierrot lunaire in Berlin schrieb: „Aber am Schluß war nicht die Spur von Widerspruch. Schönberg und die Aufführenden mußten oft und oft kommen, vor allem natürlich Schönberg; man schrie im Saal nach ihm immer wieder. Es war ein unbedingter Erfolg.“
Nein, so ist es nicht mehr - aber das wollen wir wieder erleben!! Um eine Idee aus der Bildenden Kunst zu gebrauchen: Dafür verstehen wir uns in unserer vermittelnden Interpretenrolle als quasi Galeristen musikalischer Avantgarde - mit dem Ehrgeiz, für Schöpfer und Rezipienten zeitgenössischer Musik eine gewinnbringende Situation zu schaffen.

unitedberlin ist gemeinsam mit dem international erfolgreichen Dirigenten Vladimir Jurowski als Artistic Advisor für die Saison 2015/16 vom Konzerthaus Berlin als Ensemble in Residence eingeladen. Damit schließt sich für Ensemble und Dirigent ein Kreis, der sich bereits vor über 20 Jahren mit gemeinsamen Konzerten und CD-Produktionen zu öffnen begann - ein neues Kapitel in der Arbeit unseres Ensembles ist aufgeschlagen …


Vladimir Jurowski
wurde in Moskau geboren und studierte in seiner Heimatstadt sowie in Dresden und Berlin Dirigieren und Chorleitung. 1995 debütierte er beim Wexford Festival sowie am Royal Opera House Covent Garden. Von 1997 bis 2001 war er Erster Kapellmeister der Komischen Oper Berlin. Bereits seit 1997 zu Festivals und an international führende Häuser eingeladen, wurde er 2001 Musikdirektor an der Glyndebourne Festival Opera und 2006 Erster Dirigent beim London Philharmonic Orchestra. Das Orchestra of the Age of Enlightenment verlieh ihm den Titel “Principal Artist”, 2007 wurde er als „Conductor of the Year“ mit dem „Royal Philharmonic Society Music Award“ ausgezeichnet.
Konzeption und Realisation: Andreas Bräutigam (mehr unter unitedberlin.de)