DO 09.09.2010 20.00 Uhr
Kleiner Saal


ensemble unitedberlin
Vladimir Jurowski
Dirigent
Markus Schäfer Tenor
Beate Baron Szenische Einrichtung


Hans Zender (geb. 1936)
Schuberts “Winterreise” – Eine komponierte Interpretation
“Gute Nacht”
“Die Wetterfahne”
“Gefrorne Tränen”
“Der Lindenbaum”
“Wasserflut”
“Auf dem Flusse”
“Rückblick”
“Irrlicht”
“Rast”
“Frühlingstraum”
“Einsamkeit”
“Die Post”
“Der greise Kopf”
“Die Krähe”
“Letzte Hoffnung”
“Im Dorfe”
“Der stürmische Morgen”
“Täuschung”
“Der Wegweiser”
“Das Wirtshaus”
“Mut”
“Die Nebensonnen”
“Der Leiermann”


Desillusionsromantik
“Ein Werk wie die Winterreise ist eine Ikone unserer Musiktradition, eines der großen Meisterwerke Europas. Wird man ihm ganz gerecht, wenn man es nur in der heute üblichen Form – zwei Herren im Frack, Steinway, ein meist sehr großer Saal – darstellt?” Begann Hans Zender 1993 einen Text zu seiner Interpretation der “Winterreise” mit dieser Frage, so setzte er eine weitere auch an das Ende: “Es wird berichtet, dass Schubert während der Komposition dieser Lieder nur selten und sehr verstört bei seinen Freunden erschien. Die ersten Aufführungen müssen eher Schrecken als Wohlgefallen ausgelöst haben. Wird es möglich sein, die ästhetische Routine unserer Klassiker-Rezeption, welche solche Erlebnisse fast unmöglich gemacht hat, zu durchbrechen, um eben diese Urimpulse, diese existentielle Wucht des Originals neu zu erleben?” Zenders Version ist der Versuch, das Werk aus der Sicht des Nachgeborenen, mit der Erfahrung von 150 Jahren Musikgeschichte neu zu lesen: “Auch stilistisch betrachtet, enthalten ja die Spätwerke Schuberts Keime, welche erst Jahrzehnte nach ihrer Entstehung bei Bruckner, Wolf und Mahler aufgehen; an manchen Stellen der Winterreise ist man versucht zu sagen, dass der Expressionismus unseres Jahrhunderts schon avisiert wird. Auch diese Zukunftsperspektiven Schuberts will meine Bearbeitung aufzeigen …”
Dass die Musik der “Moderne” kaum denkbar gewesen wäre ohne die Mahlers, ist inzwischen ebenso unbestritten wie die Bezugnahme der Mahlerschen Kunst auf Schubert. Keineswegs erschöpft sich die Verwandtschaft der beiden dabei im “Landschaftlichen”, im Beschwören und Verwehen des Ländlers. Mahlers Spätwerke seien „Desillusionsromantik wie keine seit Schuberts Winterreise“, meinte Adorno. Und wenn die “schauerlichen Lieder” heute auch mit dem Denken an Mahler erklingen, liegt nicht zuletzt die Spurensuche im gesungenen Wort nahe. „Blumen blühn ja überall, und Kreuzlein steh’n ja überall – die haben nicht gelogen“, dichtete Mahler im März 1880. Zeigt da nicht ein „Wegweiser“ auf das „kühle Wirtshaus“ mit den „grünen Totenkränzen“? „Wie weit noch bis zur Bahre“, fragt „Der greise Kopf“; „ich wollt, ich läg auf der schwarzen Bahr“, sehnt sich Mahlers „fahrender Geselle“. Sind die „glühenden Mädchenaugen“ („Da war’s geschehn um dich, Gesell!“) vielleicht jene „zwei blauen Augen von meinem Schatz“, die zur Flucht in die Weite rufen? Steht der „Lindenbaum“, der „seine Blüten“ über Mahlers Ruhlosen „schneit“, eben „am Brunnen vor dem Tore“? Der Wanderer durch Eis und Schnee „zieht fremd ein und wieder aus“ – er „kommt“, kann man auch sagen, „der Welt abhanden …“
Die Texte zur späteren “Winterreise” erschienen komplett erstmals 1824 unter dem Titel “Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten”. Der Autor war der aus Dessau stammende Wilhelm Müller – geboren 1794 und gestorben 1827, mithin also ein unmittelbarer Zeitgenosse Schuberts. Im Februar 1827 vertonte Schubert zunächst die ersten zwölf Gedichte, im Hebst des Jahres machte er sich an den Rest. Joseph von Spaun berichtete von einer Aufführung in privatem Kreis: "Schubert war durch einige Zeit düster gestimmt und schien angegriffen. Auf meine Frage, was in ihm vorgehe, erwiderte er: 'Nun, ihr werdet bald hören und begreifen.' Eines Tages sagte er zu mir: 'Komme heute zu Schober, ich werde euch einen Kranz schauerlicher Lieder vorsingen. Ich bin begierig zu hören, was ihr dazu sagt. Sie haben mich mehr angegriffen, als dieses je bei anderen Liedern der Fall war.' - Er sang uns nun mit bewegter Stimme die ganze Winterreise durch. Wir waren durch die düstere Stimmung dieser Lieder ganz verblüfft, und Schober sagte, es habe ihm nur ein Lied, 'Der Lindenbaum', gefallen. Schubert sprach hierauf nur: 'Mir gefallen diese Lieder mehr als alle, und sie werden euch auch noch gefallen'.“
Hans Zenders “lecture” der “Winterreise“, gesetzt für Tenor und ein größeres Ensemble aus Bläsern, Saiteninstrumenten, Schlagzeug und Akkordeon, wurde im September 1993 von Hans Peter Blochwitz und dem Ensemble Modern in Frankfurt am Main uraufgeführt. In dem schon weiter oben zitierten Aufsatz erläuterte Zender seine Verfahrensweisen, „die dem Schubertschen Original übergelegt werden. Die Verwandlung des Klavierklangs in die Vielfarbigkeit des Orchesters ist dabei nur einer unter vielen Aspekten: keineswegs handelt es sich hier um eine eindimensionale 'Einfärbung', sondern um Permutationen von Klangfarben, deren Ordnung von den formalen Gesetzen der Schubertschen Musik unabhängig ist. Die an wenigen Stellen auftretenden 'Kontrafakturen' (also die Hinzufügung frei erfundener Klänge zur Schubertschen Musik, als Vorspiele, Nachspiele, Zwischenspiele oder simultane 'Zuspiele') sind nur ein Extrem dieser Verfahrensweisen ... Eine andere extreme Möglichkeit, von der in meiner Bearbeitung Gebrauch gemacht wird, ist die Verschiebung der Klänge im Raum ... Die Musiker selbst werden auf Wanderschaft geschickt … Schubert arbeitet … in seinen Liedkompositionen mit klanglichen 'Chiffren', um die magische Einheit von Text und Musik zu erreichen, welche insbesondere seine späten Zyklen auszeichnet. Er erfindet zum 'Kernwort' jedes Gedichtes eine keimhafte musikalische Figur, aus der das ganze Lied sich zeitlich entfaltet. Die geschilderten strukturellen Veränderungen meiner Bearbeitung entspringen immer diesen Keimen und entwickeln sie sozusagen über den Schubertschen Text hinaus: die Schritte in Nr. 1 und Nr. 8, das Wehen des Windes (Nr. 2, 19, 22), das Klirren des Eises (Nr. 3, 7), das verzweifelte Suchen nach Vergangenem (Nr. 4, 6), Halluzinationen und Irrlichter (Nr. 9, 11, 19), der Flug der Krähe, das Zittern der fallenden Blätter, das Knurren der Hunde, die Geräusche eines ankommenden Postwagens ...” Neben der weit voraus weisenden Expressivität der Schubertschen Klänge macht Zender auch deren folkloristische Verwurzelung sichtbar: “So werden schon im ersten Lied mehrere ästhetische Perspektiven überblendet: die Archaik von Akkordeon und Gitarre, die biedermeierliche Salonkultur des Streichquartetts, die extravertierte Dramatik der spätromantischen Sinfonik, die brutale Zeichenhaftigkeit moderner Klangformen ...” Ausführlich kam Zender dann auch auf seine Schlusslösung, das Abschiednehmen und Zerreißen des Lebensfadens zu sprechen: “Die am Anfang trotz aller Verfremdung noch eindeutige Beziehung zum historischen Original wird in meiner Bearbeitung immer labiler, die 'heile Welt' der Tradition verschwindet immer mehr in eine nicht rückholbare Ferne. In Nr. 18 - 'Stürmischer Morgen' - flattern die Strukturen Schuberts, analog zum Text, nur noch als (Wolken-)Fetzen 'umher in mattem Streit', die freundliche Melodie von Nr. 19 - "Täuschung" - wird zu einer täuschenden Ausgeburt eines wie eine Idée fixe auftauchenden Einzeltones; in 'Mut' pfeift der Wintersturm dem Leser (= Hörer) derartig um die Ohren, dass er ihn immer wieder zur Ausgangsposition zurückwirft. Der seltsame Gesang von den drei 'Nebensonnen' wird als endgültiger Verlust der Realität gedeutet: der Notentext erscheint gleichzeitig in drei konkurrierenden Tempi, wobei es unmöglich ist, eines davon als Koordinatensystem für die beiden anderen zu nutzen ... Beim 'Leiermann' endlich verschwindet außer der zeitlich-metrischen Orientierung auch noch die harmonisch-räumliche Stabilität, indem durch immer neu hinzugefügte Unterquinten (abgeleitet aus dem 4. Takt des Schubert-Liedes) die Gestalten ihre 'Beziehung zum Boden' verlieren und am Schluss gleichsam 'in die Erde sinken'.”
Und keinem Kundigen bleibt der durchgängige “Mahler-Ton” verborgen, jene vertraut-verstörende Mischung von Ausgeliefertsein und Trost, von Gewalt und Liebe, von Zivilisation und Natur, von unbestimmtem Gefühl und konkretem Symbol. Zender bringt zusammen, was – so das schlüssige Resultat – zusammen gehört. Ganz nach Mahler klingen die Bläserakzente schon im ersten Lied, wo – durch die vordergründige Ausstellung des Marschrhythmus’ – unversehens ein “Tambourgesell” von seiner Todesgewissheit singt: Der da voll Schmerz ruft: “Fein Liebchen, gute Nacht”, der “schreit” auch “mit heller Stimm”: “Gute Nacht, ihr Offizier, Korporal und Grenadier …”
Hans Zender, geboren 1936 in Wiesbaden, studierte Komposition, Klavier und Dirigieren in Frankfurt und Freiburg. Seine Karriere als Dirigent führte ihn beispielsweise an die Opernhäuser in Bonn, Hamburg und Brüssel, zum Sinfonieorchester des Saarländischen Rundfunks (Chefdirigent von 1971 bis 1984) und zum SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (Ständiger Gastdirigent von 1999 bis 2007). Wiederholt war er auch beim Konzerthausorchester Berlin zu Gast. Neben der Dirigententätigkeit ist Zender, der bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik schon in den 1950er Jahren mit Karlheinz Stockhausen und Pierre Boulez in Kontakt kam, ein hochgeschätzter Komponist. Sein Œuvre umfasst etwa die Werkreihen „Hölderlin lesen“ und „Cantos“ sowie die drei Opern „Stephen Climax“, „Don Quijote de la Mancha“ und „Chief Joseph“. Hans Zender ist unter anderem Träger des Goethepreises der Stadt Frankfurt und Mitglied der Akademien der Künste in Hamburg, Berlin und München.

Die Texte der Lieder

Gute Nacht
Fremd bin ich eingezogen,
fremd zieh' ich wieder aus.
Der Mai war mir gewogen
mit manchem Blumenstrauß.
Das Mädchen sprach von Liebe,
die Mutter gar von Eh', -
Nun ist die Welt so trübe,
der Weg gehüllt in Schnee.
Ich kann zu meiner Reisen
nicht wählen mit der Zeit,
muss selbst den Weg mir weisen
in dieser Dunkelheit.
Es zieht ein Mondenschatten
als mein Gefährte mit,
und auf den weißen Matten
such' ich des Wildes Tritt.
Was soll ich länger weilen,
dass man mich trieb hinaus?
Lass irre Hunde heulen
vor ihres Herren Haus;
Die Liebe liebt das Wandern –
Gott hat sie so gemacht -
von einem zu dem andern.
Fein Liebchen, gute Nacht!
Will dich im Traum nicht stören,
wär schad' um deine Ruh'.
Sollst meinen Tritt nicht hören –
Sacht, sacht die Türe zu!
Schreib im Vorübergehen
ans Tor dir: Gute Nacht,
damit du mögest sehen,
an dich hab' ich gedacht.

Die Wetterfahne
Der Wind spielt mit der Wetterfahne
auf meines schönen Liebchens Haus.
Da dacht' ich schon in meinem Wahne,
sie pfiff den armen Flüchtling aus.
Er hätt' es eher bemerken sollen,
des Hauses aufgestecktes Schild,
so hätt' er nimmer suchen wollen
im Haus ein treues Frauenbild.
Der Wind spielt drinnen mit den Herzen
wie auf dem Dach, nur nicht so laut.
Was fragen sie nach meinen Schmerzen?
Ihr Kind ist eine reiche Braut.

Gefrorne Tränen
Gefrorne Tropfen fallen
von meinen Wangen ab:
Ob es mir denn entgangen,
dass ich geweinet hab'?
Ei Tränen, meine Tränen,
und seid ihr gar so lau,
dass ihr erstarrt zu Eise
wie kühler Morgentau?
Und dringt doch aus der Quelle
der Brust so glühend heiß,
als wolltet ihr zerschmelzen
des ganzen Winters Eis!

Erstarrung
Ich such' im Schnee vergebens
nach ihrer Tritte Spur,
wo sie an meinem Arme
durchstrich die grüne Flur.
Ich will den Boden küssen,
durchdringen Eis und Schnee
mit meinen heißen Tränen,
bis ich die Erde seh'.
Wo find' ich eine Blüte,
wo find' ich grünes Gras?
Die Blumen sind erstorben,
der Rasen sieht so blass.
Soll denn kein Angedenken
ich nehmen mit von hier?
Wenn meine Schmerzen schweigen,
wer sagt mir dann von ihr?
Mein Herz ist wie erstorben,
kalt starrt ihr Bild darin;
schmilzt je das Herz mir wieder,
fließt auch ihr Bild dahin!

Der Lindenbaum
Am Brunnen vor dem Tore
da steht ein Lindenbaum;
ich träumt' in seinem Schatten
so manchen süßen Traum.
Ich schnitt in seine Rinde
so manches liebe Wort;
Es zog in Freud' und Leide
zu ihm mich immer fort.
Ich musst' auch heute wandern
vorbei in tiefer Nacht,
da hab' ich noch im Dunkeln
die Augen zugemacht.
Und seine Zweige rauschten,
als riefen sie mir zu:
Komm her zu mir, Geselle,
hier find'st du deine Ruh'!
Die kalten Winde bliesen
mir grad' ins Angesicht;
der Hut flog mir vom Kopfe,
ich wendete mich nicht.
Nun bin ich manche Stunde
entfernt von jenem Ort,
und immer hör' ich's rauschen:
Du fändest Ruhe dort!

Wasserflut
Manche Trän' aus meinen Augen
ist gefallen in den Schnee;
seine kalten Flocken saugen
durstig ein das heiße Weh.
Wenn die Gräser sprossen wollen,
weht daher ein lauer Wind,
und das Eis zerspringt in Schollen,
und der weiche Schnee zerrinnt.
Schnee, du weißt von meinem Sehnen,
sag', wohin doch geht dein Lauf?
Folge nach nur meinen Tränen,
nimmt dich bald das Bächlein auf.
Wirst mit ihm die Stadt durchziehen,
muntre Straßen ein und aus;
fühlst du meine Tränen glühen,
da ist meiner Liebsten Haus.

Auf dem Fluße
Der du so lustig rauschtest,
du heller, wilder Fluß,
wie still bist du geworden,
gibst keinen Scheidegruß.
Mit harter, starrer Rinde
hast du dich überdeckt,
liegst kalt und unbeweglich
im Sande ausgestreckt.
In deine Decke grab' ich
mit einem spitzen Stein
den Namen meiner Liebsten
und Stund' und Tag hinein:
Den Tag des ersten Grußes,
den Tag, an dem ich ging;
um Nam' und Zahlen windet
sich ein zerbroch'ner Ring.
Mein Herz, in diesem Bache
erkennst du nun dein Bild?
Ob's unter seiner Rinde
wohl auch so reißend schwillt?

Rückblick
Es brennt mir unter beiden Sohlen,
tret' ich auch schon auf Eis und Schnee,
ich möcht' nicht wieder Atem holen,
bis ich nicht mehr die Türme seh'.
Hab' mich an jedem Stein gestoßen,
so eilt' ich zu der Stadt hinaus;
die Krähen warfen Bäll' und Schloßen
auf meinen Hut von jedem Haus.
Wie anders hast du mich empfangen,
du Stadt der Unbeständigkeit!
An deinen blanken Fenstern sangen
die Lerch' und Nachtigall im Streit.
Die runden Lindenbäume blühten,
die klaren Rinnen rauschten hell,
und ach, zwei Mädchenaugen glühten. –
Da war's gescheh'n um dich, Gesell!
Kommt mir der Tag in die Gedanken,
möcht' ich noch einmal rückwärts seh'n;
möcht' ich zurücke wieder wanken,
vor ihrem Hause stille steh'n.

Irrlicht
In die tiefsten Felsengründe
lockte mich ein Irrlicht hin;
wie ich einen Ausgang finde,
liegt nicht schwer mir in dem Sinn.
Bin gewohnt das Irregehen,
's führt ja jeder Weg zum Ziel;
uns're Freuden, uns're Wehen,
alles eines Irrlichts Spiel!
Durch des Bergstroms trockne Rinnen
wind' ich ruhig mich hinab,
jeder Strom wird's Meer gewinnen,
jedes Leiden auch sein Grab.

Rast
Nun merk' ich erst wie müd' ich bin,
da ich zur Ruh' mich lege;
das Wandern hielt mich munter hin
auf unwirtbarem Wege.
Die Füße frugen nicht nach Rast,
es war zu kalt zum Stehen;
der Rücken fühlte keine Last,
der Sturm half fort mich wehen.
In eines Köhlers engem Haus
hab' Obdach ich gefunden;
doch meine Glieder ruh'n nicht aus:
So brennen ihre Wunden.
Auch du, mein Herz, in Kampf und Sturm
so wild und so verwegen,
fühlst in der Still' erst deinen Wurm
mit heißem Stich sich regen !

Frühlingstraum
Ich träumte von bunten Blumen,
so wie sie wohl blühen im Mai;
ich träumte von grünen Wiesen,
von lustigem Vogelgeschrei.
Und als die Hähne krähten,
da ward mein Auge wach;
da war es kalt und finster,
es schrien die Raben vom Dach.
Doch an den Fensterscheiben,
wer malte die Blätter da?
Ihr lacht wohl über den Träumer,
der Blumen im Winter sah?
Ich träumte von Lieb um Liebe,
von einer schönen Maid,
Von Herzen und von Küssen,
von Wonne und Seligkeit.
Und als die Hähne krähten,
da ward mein Herze wach;
nun sitz' ich hier alleine
und denke dem Traume nach.
Die Augen schließ' ich wieder,
noch schlägt das herz so warm.
Wann grünt ihr Blätter am Fenster?
Wann halt' ich mein Liebchen im Arm?

Einsamkeit
Wie eine trübe Wolke durch heit're Lüfte geht,
wenn in der Tanne Wipfel ein mattes Lüftchen weht:
So zieh ich meine Straße dahin mit trägem Fuß,
durch helles, frohes Leben einsam und ohne Gruß.
Ach, dass die Luft so ruhig! Ach, dass die Welt so licht!
Als noch die Stürme tobten, war ich so elend nicht.

Die Post
Von der Straße her ein Posthorn klingt.
Was hat es, dass es so hoch aufspringt, mein Herz?
Die Post bringt keinen Brief für dich.
Was drängst du denn so wunderlich, mein Herz?
Nun ja, die Post kommt aus der Stadt,
wo ich ein liebes Liebchen hat, mein Herz!
Willst wohl einmal hinüberseh'n
und fragen, wie es dort mag geh'n, mein Herz?

Der greise Kopf
Der Reif hatt' einen weißen Schein
mir übers Haar gestreuet;
Da glaubt' ich schon ein Greis zu sein
und hab' mich sehr gefreuet.
Doch bald ist er hinweggetaut,
hab' wieder schwarze Haare,
dass mir's vor meiner Jugend graut –
Wie weit noch bis zur Bahre!
Vom Abendrot zum Morgenlicht
ward mancher Kopf zum Greise.
Wer glaubt's? und meiner ward es nicht
auf dieser ganzen Reise!

Die Krähe
Eine Krähe war mit mir
aus der Stadt gezogen,
Ist bis heute für und für
um mein Haupt geflogen.
Krähe, wunderliches Tier,
willst mich nicht verlassen?
Meinst wohl, bald als Beute hier
meinen Leib zu fassen?
Nun, es wird nicht weit mehr geh'n
an dem Wanderstabe.
Krähe, lass mich endlich seh'n
Treue bis zum Grabe!

Letzte Hoffnung
Hie und da ist an den Bäumen
manches bunte Blatt zu seh'n,
und ich bleibe vor den Bäumen
oftmals in Gedanken steh'n.
Schaue nach dem einen Blatte,
hänge meine Hoffnung dran;
spielt der Wind mit meinem Blatte,
zittr' ich, was ich zittern kann.
Ach, und fällt das Blatt zu Boden,
fällt mit ihm die Hoffnung ab;
fall' ich selber mit zu Boden,
wein' auf meiner Hoffnung Grab.

Im Dorfe
Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten;
es schlafen die Menschen in ihren Betten,
träumen sich manches, was sie nicht haben,
tun sich im Guten und Argen erlaben;
und morgen früh ist alles zerflossen.
Je nun, sie haben ihr Teil genossen
und hoffen, was sie noch übrig ließen,
doch wieder zu finden auf ihren Kissen.
Bellt mich nur fort, ihr wachen Hunde,
lasst mich nicht ruh'n in der Schlummerstunde!
Ich bin zu Ende mit allen Träumen.
Was will ich unter den Schläfern säumen ?

Der stürmische Morgen
Wie hat der Sturm zerrissen
des Himmels graues Kleid!
Die Wolkenfetzen flattern
umher im matten Streit.
Und rote Feuerflammen
zieh'n zwischen ihnen hin;
das nenn' ich einen Morgen
so recht nach meinem Sinn!
Mein Herz sieht an dem Himmel
gemalt sein eig'nes Bild -
es ist nichts als der Winter,
der Winter kalt und wild !

Täuschung
Ein Licht tanzt freundlich vor mir her,
ich folg' ihm nach die Kreuz und Quer;
ich folg' ihm gern und seh's ihm an,
dass es verlockt den Wandersmann.
Ach! wer wie ich so elend ist,
gibt gern sich hin der bunten List,
die hinter Eis und Nacht und Graus
ihm weist ein helles, warmes Haus.
Und eine liebe Seele drin. –
Nur Täuschung ist für mich Gewinn!

Der Wegweiser
Was vermeid' ich denn die Wege,
wo die ander'n Wand'rer geh'n,
suche mir versteckte Stege,
durch verschneite Felsenhöh'n?
Habe ja doch nichts begangen,
dass ich Menschen sollte scheu'n, -
welch ein törichtes Verlangen
treibt mich in die Wüstenei'n?
Weiser stehen auf den Straßen,
weisen auf die Städte zu.
Und ich wandre sonder Maßen
ohne Ruh' und suche Ruh'.
Einen Weiser seh' ich stehen
unverrückt vor meinem Blick;
eine Straße muss ich gehen,
die noch keiner ging zurück.


Das Wirtshaus
Auf einen Totenacker hat mich mein Weg gebracht;
allhier will ich einkehren, hab ich bei mir gedacht.
Ihr grünen Totenkränze könnt wohl die Zeichen sein,
die müde Wand'rer laden Ins kühle Wirtshaus ein.
Sind denn in diesem Hause die Kammern all' besetzt?
Bin matt zum Niedersinken, bin tödlich schwer verletzt.
O unbarmherz'ge Schenke, doch weisest du mich ab?
Nun weiter denn, nur weiter, mein treuer Wanderstab !

Mut
Fliegt der Schnee mir ins Gesicht,
schüttl' ich ihn herunter.
Wenn mein Herz im Busen spricht,
sing' ich hell und munter.
Höre nicht, was es mir sagt,
habe keine Ohren;
fühle nicht, was es mir klagt,
Klagen ist für Toren.
Lustig in die Welt hinein
gegen Wind und Wetter!
Will kein Gott auf Erden sein,
sind wir selber Götter!

Die Nebensonnen
Drei Sonnen sah ich am Himmel steh'n,
hab' lang und fest sie angeseh'n;
und sie auch standen da so stier,
als wollten sie nicht weg von mir.
Ach, meine Sonnen seid ihr nicht!
Schaut ander'n doch ins Angesicht!
Ja, neulich hatt' ich auch wohl drei;
nun sind hinab die besten zwei.
Ging nur die dritt' erst hinterdrein!
im Dunkel wird mir wohler sein.

Der Leiermann
Drüben hinterm Dorfe steht ein Leiermann,
und mit starren Fingern dreht er, was er kann.
Barfuß auf dem Eise wankt er hin und her,
und sein kleiner Teller bleibt ihm immer leer.
Keiner mag ihn hören, keiner sieht ihn an,
und die Hunde knurren um den alten Mann.
Und er lässt es gehen, alles wie es will,
dreht, und seine Leier steht ihm nimmer still.
Wunderlicher Alter! Soll ich mit dir geh'n?
Willst zu meinen Liedern deine Leier dreh'n?


Porträt der Mitwirkenden

ensemble unitedberlin
Das 1989 gegründete Ensemble – Sinnbild der wiedergewonnenen Verbindung von Musik und Musikern in der lange geteilten Stadt – begleitet mit Gastkonzerten auf Festivals neuer Musik in Albanien, Brasilien, Israel, Polen, Russland, Spanien, Südkorea, China, Ungarn und in der Schweiz die regelmäßige Arbeit in Berlin. Engagements u.a. bei der Biennale Venedig, beim Steirischen Herbst in Graz und in der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom. Integrale Aufführungen im Bereich der neuesten Musik, eingebettet in den Kontext des modernen Kammermusikrepertoires – von Schönberg und Webern bis zu Nono und Cage. Zahlreiche Konzertprogramme in enger Zusammenarbeit mit Kom­ponisten wie Vinko Globokar, Wolfgang Rihm, Mauricio Kagel, Christian Wolff, Toshio Hosokawa, Helmut Lachenmann und György Kurtág. Die Aufführungen wurden von den Kom­ponisten in der Erarbeitung betreut und mit Vorträgen, instrumentalen Workshops und Dokumentarprojekten ergänzt.
Ein besonderes Merkmal des ensemble unitedberlin ist die spartenübergreifende Arbeit. Die fünftei­lige Reihe „Musik im Dialog: Farbe, Form, Figur“ widmete sich den Bezügen zwischen bildender Kunst und Musikstücken der letzen fünfzig Jahre. In Vinko Globokars Musiktheaterwerk „Les Emigrés“ werden Fotografie und Film als Gattungen des szenografischen Geschehens integriert, in Schönbergs „Die glückliche Hand“ und Karl Amadeus Hartmanns „Simplicius Simplicissimus“ das Theater. In der letzten Saison im Konzerthaus Berlin vierteilige Reihe „Vom Gehorsam. Von der Verweigerung“ (Werke u.a. Lutz Glandien, Helmut Zapf, Jakob Ullmann und Nicolaus Richter de Vroe) sowie u.a. ein Projekt mit neuen Kompositionen für ein Ensemble aus asiatischen und europäischen Musikinstrumenten und ein Porträtkonzert mit Werken von Vinko Globokar unter Beteiligung des Komponisten.
www.unitedberlin.de

Martin Glück, Marton Végh Flöte  Miriam Wrieden, Rafael Grosch Oboe  Sylvia Schmückle-Wagner, Matthias Badczong Klarinette  Johannes Ernst Saxophon  Catherine Maguire, Mario Kopf Fagott  Bodo Werner Horn  Damir Bacikin Trompete  Florian Juncker Posaune  Daniel Göritz Gitarre Friedemann Werzlau, Daniel Tummes-Zanon, Florian Goltz, Tim Gössler Schlagzeug  Susanne Stock Akkordeon  Katharina Hanstedt Harfe  Andreas Bräutigam, Stephan Kalbe Violine  Jean-Claude Velin, Martin Flade Viola  Lea Rahel Bader Violoncello  Matthias Bauer Kontrabass

Vladimir Jurowski
wurde in Moskau als Sohn des Dirigenten Mikhail Jurowski geboren. In seiner Heimatstadt erhielt er Unterricht an der Musikschule des Tschaikowsky-Konservatoriums. In Deutschland, wohin die Familie 1990 übersiedelte, studierte er an den Musikhochschulen in Dresden und Berlin bei Rolf Reuter (Dirigieren) und Semion Skigin (Chorleitung). 1995 debütierte er beim Wexford Festival sowie am Royal Opera House Covent Garden (“Nabucco”). Von 1996 bis 2001 Mitglied des Ensembles der Komischen Oper Berlin (1997 Erster Kapellmeister). Seit 1997 Einladungen zu Festivals und an international führende Häuser (u.a. Teatro La Fenice di Venezia, Opera Bastille de Paris, Theatre de la Monnaie Bruxelles, Maggio Musicale Festival Florence, Rossini Opera Festival Pesaro, Edinburgh Festival, Semperoper Dresden, Teatro Comunale di Bologna). 1999 Debüt an der Metropolitan Opera New York (“Rigoletto”). 2001 wurde Vladimir Jurowski Musikdirektor an der Glyndebourne Festival Opera und 2003 Erster Gastdirigent beim London Philharmonic Orchestra (2006 Erster Dirigent). Das Orchestra of the Age of Enlightenment verlieh ihm den Titel “Principal Artist”, von 2005 bis 2009 war er Erster Gastdirigent beim Russischen Nationalorchester. Einladungen u.a. zu den Berliner, Rotterdamer und Osloer Philharmonikern, zum Royal Concertgebouw Orchestra, zum Gewandhausorchester Leipzig, dem Chamber Orchestra of Europe, der Dresden Staatskapelle, zum Los Angeles Philharmonic, Pittsburgh Symphony und Philadelphia Orchestra, zum Chicago Symphony und zum Cleveland Orchestra.
Vladimir Jurowskis Diskographie umfasst u.a. Werke von Giya Kancheli (ECM, 1994), Meyerbeer (Naxos/Marco Polo, 1996), Massenet (BMG, 1999), Einspielungen für die eigenen Labels des London Philharmonic Orchestra (Rachmaninow, Turnage, Tschaikowsky, Britten, Schostakowitsch) und der Glyndebourne Opera (Prokofjew). Ebenso CD-Produktionen für PentaTone mit dem Russischen Nationalorchester und DVDs mit Opern- und Konzertaufführungen.

Markus Schäfer
studierte Gesang und Kirchenmusik in Karlsruhe und Düsseldorf. Er war Gewinner beim Berliner Bundeswettbewerb Gesang und beim Mailänder Caruso-Wettbewerb, besuchte das Opernstudio in Zürich und debütierte dortigen Opernhaus, wo er auch sein erstes Engagement erhielt. Es folgten Verpflichtungen an die Hamburgische Staatsoper und die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf (festes Engagement bis 1993). Seither Gastspieltätigkeit, vor allem mit Mozart-Partien (u.a. Aalto-Theater Essen, Oper Köln, Staatsopern in Berlin und München) und den Bachsschen Evangelisten-Partien. Zusammenarbeit mit Dirigenten wie René Jacobs, Sigiswald Kuijken, Frans Brüggen, Paul McCreesh, Philippe Herreweghe, Ton Koopman, Nikolaus Harnoncourt, Sir Yehudi Menhuin, Kent Nagano, Michael Gielen, Stefan Soltesz, Fabio Luisi, Helmut Müller-Brühl, Martin Haselböck, Karl-Friedrich Beringer, Enoch zu Guttenberg und Yakov Kreizberg. CD-Aufnahmen mit Werken von Bach (Naxos), Karg-Elert (NCA), Reger (NCA), Schubert (Naxos), Mozart und Ries (CPO), Beethovens (mit Anima Eterna unter Jos van Immerseel), Mendelssohn (mit dem Windsbacher Knabenchor). Für dieses Jahr sind u.a. Gesamteinspielungen der Lieder von Peter Cornelius, Franz Liszt und Arnold Schönberg sowie Lieder von Britten für den Bayerischen Rundfunk geplant. Die Einspielung der „Matthäus-Passion“ mit dem Concentus Musicus Wien unter Nikolaus Harnoncourt, an der Markus Schäfer mitwirkte, wurde mit dem Grammy ausgezeichnet.
Als Liedinterpret feierte Markus Schäfer Erfolge u.a. in Wien, bei den Schubertiaden in Feldkirch und Schwarzenberg, in New York (mit dem Pianisten Hartmut Höll) und mit einem eigenen Schubert-Zyklus in Melbourne. Langjährige künstlerische Partnerschaft mit dem Pianisten Christian de Bruyn. Im Konzerthaus Berlin u.a. Konzerte mit dem Konzerthausorchester (Michael Gielen) und dem Kammerorchester „Carl Philipp Emanuel Bach“ (Peter Schreier). Markus Schäfer lehrt als Gesangsprofessor an der Hochschule für Musik und Theater Hannover.

Beate Baron
wurde 1977 in Bielefeld geboren und studierte Regie bei Götz Friedrich in Hamburg sowie Interdisziplinäre Komposition an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin. Sie arbeitete als persönliche Regieassistentin Götz Friedrichs an der Deutschen Oper Berlin. Beate Baron entwickelte verschiedene Musiktheaterstücke, Installationen und Videoarbeiten wie z.B. „Der Qual ein Ende!“ nach Erik Satie, „Wanderland“ und „Schumann im Liegen“ u.a. für das Theater Aachen, die Komische Oper Berlin, das EKZ Dresden und DomImBerg Graz. Mit der Installation RIGOLATOR gewann sie den RingAward 08.off sowie Sonderpreis der Komischen Oper Berlin. Mit Hans Neuenfels arbeitete sie an „Proserpina“ (UA) von Wolfgang Rihm für die Schwetzinger Festspiele. Im Rahmen der Ruhrtriennale 2009 inszenierte Beate Baron ihre Musiktheaterkreation AUTLAND mit Musik von Sergej Newski.  



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Herausgeber
Konzerthaus Berlin
Intendant Prof. Dr. Sebastian Nordmann
Text und Redaktion Andreas Hitscher