DI 22.09.09 20.00 Uhr
Werner-Otto-Saal

Vom Gehorsam. Von der Verweigerung


ensemble unitedberlin
Winnie Böwe
Stimme
Georg Morawietz
Klangregie
Stephan Winkler
Leitung


Lutz Glandien (*1954)
„Ein-Blick“ für Video (Gerd Conradt) und Flöten-Solo „Le martinet“

„und war es noch still“ für Ensemble

Stephan Winkler (*1967)
„NINE!“ für Ensemble

Lutz Glandien
„weiter so“ für Streichquintett und Tonband 

Pause 

Lutz Glandien
„Es lebe Stalin“ für Video (Angela Zumpe / Antal Lux) und Soundcollage 

Georg Katzer (* 1935)
„Schlagmusik 1“ für Schlagzeug solo

Hanns Eisler (1898-1962)
Kammersinfonie op. 69
Invention – Choral-Bearbeitung – Scherzo – Etüde – Finale

Arnold Schönberg (1874-1951)
Sechs kleine Klavierstücke op. 19
Leicht, zart – Langsam – Sehr langsam – Rasch, aber leicht – Etwas rasch – Sehr langsam

Lutz Glandien
„Gila“ für Ensemble, Stimme und Video
- Uraufführung -


Gefördert von der Ernst von Siemens Musikstiftung


Vom Gehorsam. Von der Verweigerung
Zwanzig Jahre Mauerfall, Wende, Ende der DDR, Wiedervereinigung ... Zwei Jahrzehnte, eine veränderte Welt. Ost und West ver­söhnt? Nord und Süd auseinanderklaffend wie nie? Globalisierung als Chance oder Bedrohung? Eine Gesellschaftsform, die sich Gerechtigkeit auf die Fahnen schrieb, ist an
der eigenen Pervertierung zugrunde gegangen. Und nun das Leben ein Markt, der Mensch Ware? Sehnsucht nach einem an­deren Weg, aber kein Modell, das ihn zeigt? Große Freiheit - aber wozu?
Kunst kann keine Lösungen bieten, Kunst kann Fragen stellen. Kunst kann keine Regierungen stürzen, Kunst kann zum Denken anregen. Kunst kann sich affirma­tiv betätigen, Kunst kann subversiv sein. Kunst kann vom Gehorsam künden, Kunst kann sich verweigern. Hören, Lesen, Sehen, Begreifen - Kunst entfaltet sich konkret, für jeden anders, immer neu. Wie bestimmt der Kontext die Sicht? Gebrauchte Kunst, miss­brauchte Kunst, brauchbare Kunst? War der Herbst '89 eine Revolution? Und war es eine, die erste viel­leicht, ohne Musik? Keine Untergangsklänge, kein Singen vom Aufbruch? Oder doch Signale, das Locken zum Widerstehen? Ist sie anders, die Musik von davor, von danach? Hört man sie anders?
Das ensemble unitedberlin hat für seine Konzertreihe vier Komponisten ausgewählt, die ihre Sozialisierung in der DDR erfuhren: Lutz Glandien, Helmut Zapf, Jakob Ullmann und Nicolaus Richter de Vroe. Geboren um 1955, wuchsen sie hier auf, hatten ihre Wege beschritten, ebene kaum. Gestolpert, aufgestanden, geblieben, gegangen. Sie hatten sich gerieben an einer gesellschaftlichen Realität, die ihre Werke – so oder so – bedingte. Wie bedingt sie die Gegenwart? Der Blick hat sich geweitet. Wurde Neues ihrer Kunst wesentlich? Machte sich die „Wende“ als Zäsur bemerkbar? Die vier Konzerte (22.09., 08.12.09, 02.03. und 18.05.10) geben persönliche Kom­mentare zum gesellschaftlichen Umbruch von '89: „Zeitgenössische“ Musik – aus der eigenen Feder und von komponierenden Kollegen. Rückblicke und Ausblicke. Gehorsam, Verweigerung, Widerstand?


„Ein-Blick“ und „Le martinet“
„Die innerdeutsche ‚Mauer‘ ist mir von Kindheit an vertraut. Da gab es einen Stacheldrahtzaun, in dessen Nähe wir als Kinder nicht spielen durften. Und manchmal, tief in der Nacht, knallte es dort. Nur ein paar hundert Meter entfernt davon erblickte ich das Licht der östlichen Hemisphäre und verbrachte vor oder hinter dem ‚Zaun‘, je nachdem, die ersten 20 Jahre meines Lebens. Nach einem kurzen Intermezzo im Dresdner ‚Tal der Ahnungslosen‘ verschlug es mich nach Berlin. Und schon lebte ich wieder an der Mauer, in Späthsfelde, also diesmal nicht ganz so gefährlich nah dran. Doch die Freude währte nicht lange, denn schon bald zog ich mit meiner gerade gegründeten jungen Familie nach Treptow in die Elsenstraße. Da trennten mich nunmehr nur noch 61 Schritte von der Mauer und vom Balkon aus konnte ich den Grenzsoldaten zuwinken - machte ich natürlich nicht, ‚man‘ hatte ja Angst.
Der Zufall wollte es, dass ich in den 90-er Jahren den Filmemacher Gerd Conradt kennenlernte. Ein glücklicher Zufall, denn er hatte just im Oktober 1986, in dem Monat als ich die Wohnung in der Elsenstraße bezog, einen Film über diesen Häuserblock und den Mauerstreifen von der Westseite aus gedreht. Diesen Film möchte ich heute vorstellen. Dazu erklingt das Flötensolo ‚Le martinet‘. „Le martinet (fr.): Der Mauersegler. Der Vogelruf wird in die musikalische Struktur eingebunden und auch der Vogelflug findet in der Textur seine Entsprechung. Das Stück, 1985 geschrieben – als die Berliner Mauer noch unüberwindbar schien – und 1990 überarbeitet, handelt vom Aufbruch, von Höhen und Tiefen, vom lautlosen Schweben und von Abstürzen. Gleich einem Emotionsdiagramm nimmt es in kurzen, abgehackten, manchmal zornigen Gesten immer neue Anläufe, bis es schließlich zu einem liedhaften ruhigen Ende findet, das sich in höchsten Regionen verliert” (Lutz Glandien).

„und war es noch still“
Als zweites Vor-der-Mauer-Stück hören wir ‚und war es noch still‘, ein „weiteres Stimmungsbild aus dem Jahre 1989“ (Lutz Glandien). Aus dem fahlen, in-sich-kreisenden Beginn befreien sich allmählich kleine Eruptionen: Eine Musik vagierender Energien hebt an, die sich vorerst nur en passant zum Ensemble zusammenfinden, immer wieder aber in die Stille zurückgeworfen werden. „Flüsternd“ (Vortragsanweisung) sammeln sie sich erneut, verdichten sich zu einem labilen, aber höchst expressiven Kollektiv, das sich an seiner rhythmisch präzisen Tektonik berauscht und doch wieder verhallt. Aus der Vereinzelung flackert es erneut auf, vehementer jetzt, bündelt seine Kraft und scheint in einem Unisono letztlich jene unaufhaltsame Eigendynamik zu erreichen, der schwerlich etwas entgegenzusetzen ist: „Berlin, Oktober 1989“ steht am Ende der Partitur.
Seismogramm der Zeit? Vielleicht. Auch wenn bei Parallelisierungen von gesellschaftlichem Überbau und innermusikalischer Basis stets Vorsicht angebracht ist: Schnell gerät man in den Sog jener „allzu feinsinnigen und mechanistischen Erwartungs-Akrobatik“, vor der Frank Schneider einmal bei der soziologischen Dechiffrierung der Musik jener Wendejahre gewarnt hat.

Winkler: „NINE!“
Ein Jahr vor dem Mauerfall, 1988, entstand Stephan Winklers Ensemblestück „NINE!“. Glandien lernte Winklers „radikale Crossover-Werke“ in den 90-er Jahren kennen und schätzen. Ebenso wie Glandiens „Le martinet“ verbirgt „NINE!“ Einspruch und Verweigerung kaum verhohlen im Zungenschlag einer fremden Sprache. Ursprünglich allerdings trug die Komposition einen anderen Namen, wie Winkler ausführt: „Uraufgeführt unter dem Titel ‚weiter, weiter…‘, ist dieses Stück Ausdruck eines brennenden Unbehagens; eines von der Unerträglichkeit und Trostlosigkeit unüberbrückbarer Widersprüche entzündeten und immer weiter befeuerten Unbehagens. Versöhnung wird kaum gesucht und nicht gefunden. Die noch einigermaßen gemäßigten Gegensätze des Anfangs driften im Verlauf des Geschehens unaufhaltsam auseinander: hastiges und beinahe gedankenloses Voranstürmen kollabiert immer wieder – nur um in lähmende Starre zu münden. In immer gedrängterem Wechsel wirft sich das Ensemble von einem Extrem ins andere. Nur an einer Stelle keimt plötzlich (und letztlich folgenlos) die Andeutung einer Alternative. Es ist dies das Zwiegespräch einer kammermusikalisch eher unergiebigen Konstellation: zwischen Horn und Gitarre. Ein zum Scheitern verurteilter Dialog als zarte Pflanze der Hoffnung, die unvermeidlich überrollt wird von einer der Schimäre der Konsequenz hinterherjagenden und so zwischen brachialem und lethargischem Stumpfsinn hin und her geworfenen Welt.“

„weiter so“ und „Es lebe Stalin“
Weitermachen, durchhalten? „Georg Katzer, mein damaliger Lehrer in der Akademie der Künste sagte manchmal im Unterricht zu mir (also z.B. wenn mir ein Stück gut gelungen war): ‚Weiter so!‘ Das passende Stück zu diesem Motto entstand kurz vor den letzten ‚freien Wahlen‘ in der DDR im Mai '89.
In ‚weiter so‘ geht es um die Beziehung eines imaginären Streichorchesters (Tonband) zu konzertierenden Solostreichern. Alle Impulse der Komposition gehen vom Tonband aus. Das Tonband in Form einer mechanisch ostinaten Konstante beherrscht den gesamten ersten Teil, in dem die Solostreicher nach und nach zu einer Klangfindung gelangen. Komponiert ist dieser Prozess, indem durch permanente rhythmische Verkürzung und metrische Umbrüche im Zahlenverhältnis 50:30:20:12 eine zunehmende Verdichtung und Steigerung vollzogen wird, die einen ersten Höhepunkt in der Auseinandersetzung zwischen Tonband und Solisten unausweichlich macht.
Ausgelöst von voluminösen Impulsen des Tonbandes, gewinnen im zweiten Teil solistische Äußerungen mehr an Gewicht. Die kompakte Einheit des ersten Teiles ist jedoch zersplittert. Der dritte Teil greift wieder auf ostinate Ordnungsprinzipien des Anfangs zurück und erreicht erneute Zuspitzung. Die Solovioline am Ende des Stückes verstummt zwischen Hoffnung und Flucht nach dem Desaster“ (Lutz Glandien).
In der Pause haben Sie gewissermaßen die Wende verpasst. Denn nun steht das erste nachmäuerliche Werk des heutigen Abends auf dem Programm – eine „kurze humoristische Videosequenz“ namens „Es lebe Stalin“, die Glandien 1996 im Rahmen des „Vortex“-Projekts des Berliner Klangkunstfestivals ‚sonambiente‘ komponierte. Nicht zuletzt bekundet sie sein großes Faible für elektronische Verfahren und multimediale Projekte, dem sich nach der Wende ungleich größere technologische Entfaltungsmöglichkeiten boten. „An 24 Orten wurden in Berlin zu allen 24 Tages- und Nachtstunden Videos aufgenommen und später zur Aufführung als einstündige Sequenz vorgeführt – Berliner Impressionen. Wer an welchem Ort drehen durfte, entschied das Los. Ich zog das Los ‚Treptower Ehrenmal‘. Gemeinsam mit den Videokünstlern Angela Zumpe und Antal Lux ging ich also vor Ort auf Entdeckungsreise. Glücklicherweise konnte Antal ein russisches Lied singen und es war mir ein Vergnügen, jenes im Nachhinein mit Samples eines russischen Orchesters zu synchronisieren“ (Lutz Glandien).

Katzer: „Schlagmusik 1“
Auf diese ironische Auseinandersetzung mit einem in die Freiheit verworfenen Ehrenmal folgen nun – gleichsam als musikalische Ahnengalerie – drei Hommagen an Komponisten, die Glandiens Entwicklung und Musikdenken geprägt haben: von seinem Lehrer Georg Katzer über dessen Lehrer Hanns Eisler zu dessen Lehrer Arnold Schönberg. „Seit den 70er Jahren genossen die Komponisten, sofern es sich nicht um Vokalmusik handelte, eine gewisse Narrenfreiheit dank der obrigkeitlichen Einsicht, dass Neue Musik keine gesellschaftlichen Umstürze auslöst [...] Sie erfreuten sich in der DDR, weil eine schwer zu kontrollierende Randgruppe, einer besonderen Beob-Achtung, während heute der Komponist Neuer Musik sich in einer Randexistenz sieht.“ Georg Katzers ernüchtertes Resüme umreißt das ambivalente, mitunter symbiotische Verhältnis von Kunst und Macht, das selbst jene gefährden mag, die nicht den gehorsam staatstragenden, sondern den widerständigen Positionen zuneigen.
In Katzers Schaffen spielten früh schon elektroakustische Musik und auch das Schlagwerk – mithin die lange Zeit eher beargwöhnte als erkundete Kategorie des undomestizierten Klanges – eine wichtige Rolle. Sein erstes Werk für solistisches Schlagwerk ist die „Schlagmusik 1“ aus dem Jahr 1985. „Während Kompositionen für Schlagwerk“, so Katzer, „oft ein umfangreiches Instrumentarium verlangen, werden in meiner ‚Schlagmusik 1‘ neben einem Tamtam lediglich 13 Fell- bzw. Holzidiophone (vom tiefen Tom-Tom aufsteigend bis zum hohen Holzblock) vorgeschrieben. Einem dieser Instrumente, z.B. von einer Conga zu spielen, fällt eine zentrale strukturelle, aber auch gedankliche Rolle zu: Gleichmäßig und unbeirrt pochend wie ein Herzschlag ist es das ganze Stück hindurch anwesend, wird gestört, von virtuosen und aggressiven Kaskaden überdeckt, verschüttet, um doch immer wieder zu erscheinen.“

Eisler: Kammersinfonie op. 69
1961/62 war Georg Katzer Meisterschüler von Hanns Eisler, dem machtpolitische Indienstnahmen bzw. Maßregelungen seiner Musik nicht fremd waren. Der Komponist der DDR-Nationalhymne, den man im Ausland schon mal als „musikalischen Propagandachef Pankows“ diffamierte, rang zeitlebens um eine musikalische Moderne mit menschlichem Antlitz und dezidierter Bodenhaftung. 1940, im amerikanischen Exil, komponierte er im Rahmen eines von der Rockefeller Foundation finanzierten Filmmusikprojekts die Musik zu dem Naturfilm „White Flood“ – Aufnahmen von Gletschern und Eisregionen in den Alpen und Alaska – des Regisseurs Osgood Field. (Eine nähere Verwandtschaft mit dem von Billy Wilder verewigten Millionär Osgood Fielding, der es zudem ja eher heiß mochte, besteht wohl nicht ...)
Die filmische Vorgabe bildete eine Herausforderung für den an der Ästhetik der Filmmusik (also ebenfalls an Multimedia-Werken) höchst interessierten Komponisten, der naturalistische Verdopplungen verabscheute. „Unter ‚Naturschilderungen‘„, so Eisler, „verstand man diese abscheulichen Musikstücke, die beim Anblick einer grünen Wiese in ein abscheuliches Schluchzen verfallen oder sich entsprechend mehr pittoresk beim Rauschen der Meereswogen zu benehmen haben.“ Seine alles andere als betulich illustrierende, sondern spannungsreich kommentierende Musik arbeitete Eisler im selben Jahr zu einer fünfsätzigen Kammersinfonie op. 69 um, in der auch der eigentümliche Klangcharakter des Novachords, eines kurz zuvor entwickelten elektronischen Tasteninstrument mit Röhrengeneratoren, Anwendung fand. Eisler fasste den besonderen Rang dieser Musik knapp zusammen: „Fortgeschrittenstes musikalisches Material (strenge Zwölftontechnik), angewandt auf große musikalische Formen wie Sonate, Scherzo, ‚sinfonische Etüde‘, Choralvariationen, Inventionen. Hier wurden zum ersten Mal die modernsten musikalischen Elemente des Klangs, der Harmonik, der Melodik, des Kontrapunkts und ihre formale Behandlung im Film erprobt.“ Das Werk ist Theodor W. Adorno gewidmet, mit dem Eisler bald darauf an dem Buch „Komposition für den Film“ (12942-44) arbeiten sollte.

Schönberg: Klavierstücke op. 19
Seine erste Filmmusik – die Musik zu dem Experimentalfilm „Opus III“ von Walter Ruttmann – hatte Eisler 1927 auf Empfehlung seine Lehrers Arnold Schönberg komponiert. Auch Schönberg beschäftigte sich mit der neuen, faszinierenden Kunstform („Begleitungsmusik zu einer Lichtspielszene“ op. 34, 1929/30), und auch er hegte eine gründliche Abneigung gegen jegliche Gefühlsduselei, wie er 1909 im Umfeld seiner „Fünf Orchesterstücke“ op. 16 an Ferruccio Busoni schrieb: „Meine Musik muss kurz sein. Knapp! in zwei Noten: nicht bauen, sondern ausdrücken!! Und das Resultat, das ich erhoffe: keine stilisierten und sterilisierten Dauergefühle. Das gibts im Menschen nicht.” Dies gilt ähnlich auch für seine aphoristisch verdichteten, expressiven und frei-atonalen „Sechs Klavierstücke“ op. 19 aus dem Jahr 1911, deren letztes unter dem Eindruck von Gustav Mahlers Tod im Mai 1911 entstand. Uraufgeführt wurden die Stücke durch den Busoni-Schüler Louis Closson am 4. Februar 1912 in Berlin – in ebenjenem Harmonium-Saal in Steglitz, in dem Raoul Hausmann, Richard Huelsenbeck und Jefim Golyscheff sieben Jahre später unmissverständlich proklamierten, dass „Dada“ sei.

„Gila“
Das heutige, von Lutz Glandien zusammengestellte Konzert endet mit der Uraufführung seiner Ensemblekomposition „Gila“ (2009). „Gila wurde 1923 in Neidenburg geboren. Als sie sechs Jahre alt war, starb ihr jüngerer Bruder und auch ihr Vater; ein Jahr später ihr Oma. Daran erinnert sie sich, an den Schmerz, der nie aufhörte. Als sie 17 war, begann sie ein Tagebuch zu schreiben. Es handelt von der Suche nach dem Glück: der Liebe, nach eigenen Kindern, nach einer trauten Familie. Die Abstände der Eintragungen betragen oft Jahre. 1990 endet es mit den Worten ‚Ich bin zufrieden und glücklich‘. Gila weiß heute nicht mehr, dass sie jemals ein Tagebuch geführt hat. Sie hat es vergessen. Sie ist dement.
In ‚Gila‘ – einem ‚Hörspiel für die Bühne‘ – treffen die junge und die alte Frau aufeinander, ein virtueller stockender Dialog entspinnt sich. In Gilas heutiger Welt ist die Zeit aus den Fugen geraten. Die Kleinen, also ihre Kinder, spielen nebenan, der Papa ist im Garten und ihre Mutter wartet oben mit dem Abendbrot auf sie: Pünktlich 18 Uhr! Zu wissen, wie spät es ist, das ist ihr wichtig. Und alles ist wie früher, alle sind noch oder wieder am Leben. Aber das Musizieren, das hat Gila nicht vergessen! Mundharmonika spielt sie und kann noch so manches Lied gut singen. Gila, eine Frau, die nicht mehr weiß, wer sie einmal werden wollte, oder: ein Versuch, mich für sie zu erinnern“ (Lutz Glandien).

Lutz Glandien
Die Tradition des experimentellen deutschen Liedertheaters der 70/80-er Jahre bildet den Hintergrund für die musikalische Entwicklung des Berliner Komponisten Lutz Glandien. Von 1977 bis 1983 war er Pianist und Komponist des Schicht-Theaters in Dresden, das schon damals im Grenzbereich zwischen Lied und Theater arbeitete und mit multimedialen Formen experimentierte. Nach dem Studium Zeitgenössischer Komposition an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ und der Meisterklasse der Akademie der Künste in Berlin (1979-1985) schrieb Glandien zahlreiche Werke für Soloinstrumente, Kammerensembles und Sinfonieorchester, so unter anderem ein Konzert für Tuba und Orchester (1987) für den Tubisten Michael Vogt, das zu vielen weiteren Kompositionen und einer intensiven Zusammenarbeit mit diesem außergewöhnlichen Musiker führte. Gegen Ende der 80er Jahre wandte sich Glandien von tradierten musikalischen Formen zeitgenössischer Komposition ab, indem er begann, Instrumente für seine Kompositionen zu entwickeln und zu bauen und sich der Produktion Elektroakustischer Musik zuzuwenden. Sein kompositorisches Schaffen verlagerte sich vom Schreibtisch ins Musikstudio. Eine Auswahl seiner zahlreichen elektroakustischen Kompositionen erschien auf der CD „Scenes from no Marriage“ (1994) und auf der CD „Lutz Glandien“ (1995, wergo). In den 90-er Jahren etablierte er das Elsenstudio Berlin, wo er Musik und Soundtracks zu über 90 Hörspielen, Dokumentarfilmen, Kunstvideos und Ausstellungen produzierte. Auch schuf er mehrere Klanginstallationen im öffentlichen Raum gemeinsam mit dem Berliner Architekten Malte Lüders. Die Bekanntschaft mit dem englischen Schlagzeuger und Produzenten Chris Cutler initiierte seine Zusammenarbeit mit Musikern aus der Improvisations- und der Avantgarde-Rockszene, die sich in Aufführungen des „Electric Trios“ (1997), der CD „Domestic Stories“ (1992) und dem Projekt „P53“ (1995) manifestierte. In den nachfolgenden Studioproduktionen „The 5th Elephant“ (2002) und „Lost in Rooms“ (2003) entwickelte und verfeinerte er einen neuen Kompositionsansatz. Die in einer virtuellen Collagetechnik entstandenen Stücke bezeichnet er als „virtualectric stories“. Seit 2000 produzierte Glandien mehrere Kompositionen für Ensembles des zeitgenössischen Tanzes, Rubato (Berlin), Jin Xing Dance Theatre (Shanghai) und Akira Kasai (Tokyo). Die Zusammenarbeit mit dem Berliner Instrumentenbauer Bernhard Deutz markierte 2005 eine Rückbesinnung auf tonale instrumentale Kompositionen. Mit den von Deutz gebauten Saiteninstrumenten spielte Lutz Glandien 2007 die CD „Kyomei“ ein. Lutz Glandien erhielt mehrere Kompositionspreise sowie Stipendien u.a. in Paris, Berlin, Köln, Aarhus und Tokyo.


Porträt der Mitwirkenden

ensemble unitedberlin
Das 1989 gegründete Ensemble – Sinnbild der wiedergewonnenen Verbindung von Musik und Musikern in der lange geteilten Stadt – ist nicht nur im musikalischen, sondern auch im internationalen Sinne grenzüberschreitend: Gastkonzerte auf Festivals neuer Musik in Albanien, Brasilien, Israel, Polen, Russland, Spanien, Südkorea, China, Ungarn und in der Schweiz begleiten die regelmäßige Arbeit in Berlin. Jüngste internationale Engagements waren Auftritte bei der Biennale Venedig, beim Steirischen Herbst in Graz und in der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom. Integrale Aufführungen im Bereich der neuesten Musik, eingebettet in den Kontext des modernen Kammermusikrepertoires – von Schönberg und Webern bis zu Nono und Cage. Zahlreiche Konzertprogramme in enger Zusammenarbeit mit Kom­ponisten wie Vinko Globokar, Wolfgang Rihm, Mauricio Kagel, Christian Wolff, Toshio Hosokawa, Helmut Lachenmann und György Kurtág. Die Aufführungen wurden von den Kom­ponisten in der Erarbeitung betreut und mit Vorträgen, instrumentalen Workshops und Dokumentarprojekten ergänzt.
Ein besonderes Merkmal des ensemble unitedberlin ist die spartenübergreifende Arbeit. Die fünftei­lige Reihe „Musik im Dialog: Farbe, Form, Figur“ widmete sich den Bezügen zwischen bildender Kunst und Musikstücken der letzen fünfzig Jahre. In Vinko Globokars Musiktheaterwerk „Les Emigrés“ werden Fotografie und Film als Gattungen des szenografischen Geschehens integriert, in Schönbergs „Die glückliche Hand“ und Karl Amadeus Hartmanns „Simplicius Simplicissimus“ das Theater. Gegenwärtige Projekte sind neben der vierteiligen Reihe im Konzerthaus Berlin u.a. ein Projekt mit neuen Kompositionen für ein Ensemble aus asiatischen und europäischen Musikinstrumenten sowie ein Porträtkonzert mit Werken von Vinko Globokar unter Beteiligung des Komponisten.
Zahlreichen CD-Produktionen. Über die CD des Ensembles mit Werken von Luigi Nono (WERGO 6631-2) schrieb Paul Griffiths: „There have been a lot of Nono releases since the composer's death in 1990. This is one of the best“ (New York Times, 29. Dezember 1998).


Martin Glück, Flöte (Solist „Le martinet“) Marton Vegh, Flöte Birgit Schmieder, Oboe Matthias Badczong, Klarinette Mario Kopf, Fagott Damir Bacikin, Trompete Noam Yogev, Horn Helmut Polster, Posaune Friedemann Werzlau, Percussion (Solist „Schlagmusik 1“) Daniel Tummes-Zanon, Percussion Daniel Göritz, E-Gitarre Yoriko Ikeya, Klavier (Solistin Klavierstücke op. 19) Akiko Yamashita, Klavier/Novachord Andreas Bräutigam, Violine Stephan Kalbe, Violine Jean-Claude Velin, Viola Dirk Beiße, Violoncello Matthias Bauer, Kontrabass


Winnie Böwe
wurde 1973 in Halle geboren, studierte an der Hochschule „Ernst Busch“ in Berlin und erhielt gleichzeitig eine klassische Gesangsausbildung. Rollen u.a. am Staatsschauspiel Dresden, Residenztheater München sowie in Berlin am Maxim-Gorki-Theater, Berliner Ensemble, Deutschen Theater und der Volksbühne. Seit 1998 Mitwirkung bei zahlreichen Fernseh- und Kinofilmen. Als Sopran stand sie u.a. in Philipp Glass’ „Einstein on the beach“, Wolfgang Rihms „Lenz“ und Haydns „Philemon und Baucis“ auf der Opernbühne. Zusammenarbeit mit dem Ensemble Modern und im Hörspiel-Bereich seit längerer Zeit mit Lutz Glandien. Zahlreiche CDs. 1995 als Theaterschauspielerin mit dem Friedrich-Luft-Preis ausgezeichnet. 2001 zweiter Platz beim Bundeswettbewerb Gesang in der Kategorie Chanson/Song.
www.winnie-boewe.de

Stephan Winkler
wurde 1967 in Görlitz geboren und studierte von 1985 bis 1991 in Berlin Komposition und Violoncello. Seither komponiert, dirigiert, produziert, arrangiert und unterrichtet er. 1990 gründete er das erste Ensemble für neue Musik (heute: ECHO) an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“, das er zehn Jahre leitete. Zwischendurch pendelte er ein Jahr zwischen New York und Princeton. Ein halbes Jahr lebte er in Paris. Seit 2000 verwirklicht er mit Michael Beil audiovisuelle Konzertkonzepte unter dem Namen SKART. Bisher schrieb Stephan Winkler drei Stücke für großes Orchester (eins davon mit Kinderchor) sowie viele Kammermusikwerke – manche davon mit Zuspiel, einige mit Video. 1998 veröffentlichte er eine CD mit Max Goldt, 2005 eine DualDisc (CD/DVD) mit drei seiner Kammermusikwerke und einem Video von Jesko Marx. Das Jahr 2008 verbrachte er als Stipendiat an der Villa Massimo in Rom.
www.stephanwinkler.com


Impressum
Herausgeber
Konzerthaus Berlin
Intendant Prof. Dr. Sebastian Nordmann
Text Horst A. Scholz
Redaktion Andreas Hitscher