DI 18.05.2010 20.00 Uhr
Werner-Otto-Saal


Vom Gehorsam. Von der Verweigerung

ensemble unitedberlin
Sonar Quartett
Salome Kammer
Sopran

Ferenc Gábor Leitung


Nicolaus Richter de Vroe (geb. 1955)
„lum'q'uart'inance“ – Streichquartett Nr. 2

Hermann Keller (geb. 1945)
Sonate für Streichtrio und Klavier

Nicolaus Richter de Vroe
„dank kurzer anspannung“ für Oboe, Violoncello und Klavier

Arnulf Herrmann (geb. 1968)
„Fiktive Tänze“ (Erster Band) für Ensemble
I. Gerader Tanz –
II. Verlangsamter Tanz –
III. Kurzer Rausch (Schiefe Perioden) –
IV. Auszeit –
V. Schwieriger Tanz

Pause

Friedrich Goldmann (1941 – 2009)
„3 Strophen“ für Klarinette und Violine

Nicolaus Richter de Vroe
„Ein Besuch. Bericht für Stimme und Instrumentalensemble“
- Uraufführung -


Gefördert von der Ernst von Siemens Musikstiftung


Vom Gehorsam. Von der Verweigerung
Zwanzig Jahre Mauerfall, Wende, Ende der DDR, Wiedervereinigung ... Zwei Jahrzehnte, eine veränderte Welt. Ost und West ver­söhnt? Nord und Süd auseinanderklaffend wie nie? Globalisierung als Chance oder Bedrohung? Eine Gesellschaftsform, die sich Gerechtigkeit auf die Fahnen schrieb, ist an der eigenen Pervertierung zugrunde gegangen. Und nun das Leben ein Markt, der Mensch Ware? Sehnsucht nach einem an­deren Weg, aber kein Modell, das ihn zeigt? Große Freiheit – aber wozu?
Kunst kann keine Lösungen bieten, Kunst kann Fragen stellen. Kunst kann keine Regierungen stürzen, Kunst kann zum Denken anregen. Kunst kann sich affirma­tiv betätigen, Kunst kann subversiv sein. Kunst kann vom Gehorsam künden, Kunst kann sich verweigern. Hören, Lesen, Sehen, Begreifen – Kunst entfaltet sich konkret, für jeden anders, immer neu. Wie bestimmt der Kontext die Sicht? Gebrauchte Kunst, miss­brauchte Kunst, brauchbare Kunst? War der Herbst '89 eine Revolution? Und war es eine, die erste viel­leicht, ohne Musik? Keine Untergangsklänge, kein Singen vom Aufbruch? Oder doch Signale, das Locken zum Widerstehen? Ist sie anders, die Musik von davor, von danach? Hört man sie anders?
Das ensemble unitedberlin hat für seine Konzertreihe vier Komponisten ausgewählt, die ihre Sozialisierung in der DDR erfuhren: Lutz Glandien, Helmut Zapf, Jakob Ullmann und Nicolaus Richter de Vroe. Geboren um 1955, wuchsen sie hier auf, hatten ihre Wege beschritten, ebene kaum. Gestolpert, aufgestanden, geblieben, gegangen. Sie hatten sich gerieben an einer gesellschaftlichen Realität, die ihre Werke – so oder so – bedingte. Wie bedingt sie die Gegenwart? Der Blick hat sich geweitet. Wurde Neues ihrer Kunst wesentlich? Machte sich die „Wende“ als Zäsur bemerkbar? Die vier Konzerte (22.09.09, 08.12.09, 02.03.10 und 18.05.10) gaben und geben persönliche Kom­mentare zum gesellschaftlichen Umbruch von '89: „Zeitgenössische“ Musik – aus der eigenen Feder und von komponierenden Kollegen. Rückblicke und Ausblicke. Gehorsam, Verweigerung, Widerstand?

Richter de Vroe: Streichquartett Nr. 2
Nicolaus Richter de Vroe ist ein Wanderer zwischen den hier fokussierten Welten, womit er einerseits die Versuchsanordnung unterläuft und andererseits ihr perfekter Seismograph ist. 1955 in Halle an der Saale geboren, studierte er Komposition und Violine in Dresden sowie von 1972 bis 1978 Violine am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium. 1980 wurde er als Geiger an die Berliner Staatskapelle engagiert; gleichzeitig führte er seine Kompositionsstudien bei Friedrich Goldmann und Georg Katzer an der Akademie der Künste in Berlin zum Abschluss. Nachdem er bereits von 1978 bis 1980 in verschiedenen Kammermusik-, Improvisations- und Experimental-Ensembles mitgewirkt hatte, initiierte er 1982 die Gründung des Ensembles für Neue Musik Berlin. Seine eigenen Kompositionen werden seit Mitte der 1980er Jahre bei allen ARD-Anstalten sowie bei namhaften Festivals für Neue Musik aufgeführt. 1988 wurde Nicolaus Richter de Vroe Mitglied des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, wo er sich seit Mitte der 1990er Jahre auch als musica-viva-Beauftragter sowie seit 2000 mit der Einstudierung zeitgenössischer Werke für die Kammermusikreihe der Orchesterakademie engagiert. Er ist Gründer des Spezialensembles für Neue Musik Xsemble München (1989), Mitinitiator der Münchner Gesellschaft für Neue Musik MGNM (1996) sowie seit 2008 Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste.
Auf seinen Lebensstationen hat Richter de Vroe die politischen und gesellschaftlichen Ursachen und Rahmenbedingungen für Gehorsam und Verweigerung in unterschiedlichsten Schattierungen kennen gelernt. Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass sich sein Schaffen durch einen bemerkenswert offenen und unideologischen Stil auszeichnet, in dem alerte Neugier und situative Entscheidungen wichtiger sind als Schulen und Verfahren. Nicolaus Richter de Vroes kompositorischen Werdegang quer durch die Systeme repräsentieren im heutigen, vom Komponisten selber kuratierten Programm drei Werke: Das Streichquartett „lum’q’uart’inance“ aus dem Jahr 1986, „dank kurzer anspannung“ für Oboe, Klavier und Violoncello aus dem Jahr 2001 und die Uraufführung des soeben fertig gestellten Ensemblewerks „Ein Besuch“.
Das Streichquartett „lum’q’uart’inance“ schrieb ich 1986 möglicherweise unter dem Eindruck der sich anbahnenden Veränderungen, wie sie Mitte der achtziger Jahre wachsend wahrnehmbar wurden. Es sind Entwicklungen von Dunkeltönen und Helligkeits-Valeurs, die der Form zugrunde liegen (Nicolaus Richter de Vroe).
Aus bestem Grund verschränkt der Titel dabei spielerisch die Begriffe „luminance“ (Leuchtkraft, Brillanz) und „quartet“, zeigt sich doch, wozu das Streichquartett in der Lage ist, wenn Goethes „vernünftige Leute“ mal ausgesperrt und stattdessen vier hellhörige, zu allem entschlossene Klangvisionäre aufeinander losgelassen werden. Befreit vom Konversationszwang, kann dann ein Quartettklang entstehen, der, wie hier, von der fragilen Tonlosigkeit des Beginns bis zum brachialen Schluss zwingend entwickelt ist, ohne rhetorische Konventionen strapazieren zu müssen.

Keller: Sonate für Streichtrio und Klavier
Herrmann Keller und ich wohnten [in den 1980er Jahren] im gleichen Haus in der Rykestraße. Die durchlässigen Wände gewährten uns gegenseitig erste embryonale Hörproben von Entstehendem – etwa seinem Klavierkonzert oder meinem 1. Streichquartett „TetraД I“ (Nicolaus Richter de Vroe).
Kellers Sonate für Streichtrio und Klavier aus dem Jahr 2002 entlockt einer altehrwürdigen Interaktionsform erstaunliche Brisanz. Das liegt nicht nur daran, dass Violine, Viola und Klavier durch Präparierung neue, z.T. vierteltönig geprägte Profile erhalten, sondern vor allem an der fantasievollen Spontaneität des Tonsatzes, in der freie und quasi-improvisatorische Passagen sowie leuchtende Glissandoflächen besonderes Gewicht erlangen; darüber hinaus kehrt das vielfach perkussiv akzentuierte Geschehen das physische Moment der Klangerzeugung lustvoll nach außen. „Wer sich nicht“, so Keller über seine Ästhetik, „in die Nähe der Grenzen wagt, wer sich ängstlich bemüht, in der Mitte zu bleiben, der wird sich nicht dort, nicht im Zentrum seiner selbst wiederfinden, sondern abseits irgendwo hingeworfen an einen zufälligen Ort.“
Hermann Keller wurde 1945 in Zeitz, Sachsen-Anhalt, geboren. Von 1963 bis 1968 studierte er an der Franz-Liszt-Hochschule Weimar Komposition bei Johann Cilenšek und Klavier bei Ingeborg Herkomer. Eine Aspirantur und Lehrtätigkeit an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin schlossen sich an. Seit 1971 arbeitet er regelmäßig mit Jazzmusikern zusammen. Sein Berliner Improvisations-Quartett bzw. -Trio erreichte internationale Bekanntheit. Seit 1981 ist Hermann Keller freischaffend als Komponist, Pianist und Improvisationsmusiker tätig. Er unterrichtet Musiktheorie und Improvisation an der Freien Musikschule Musikhaus e.V., die er 1990 mitbegründete. Seine Kompositionen wurden u.a. im Gewandhaus zu Leipzig, im Künstlerhaus Boswil, bei der Musikbiennale Berlin, den Berliner Festwochen, der Klangwerkstadt Mannheim, dem MDR Musiksommer und den Rheinsberger Musiktagen aufgeführt.

Richter de Vroe: „dank kurzer anspannung“
Mit Blick auf den oft recht skrupulösen Fortgang meiner Arbeiten forderte mein Lehrer Friedrich Goldmann regelmäßig „mehr Leichtigkeit“ ein. Anlässlich eines Konzertes zu seinem 60. Geburtstag im Jahr 2001 ergriff ich die späte Gelegenheit, diese Forderung einzulösen: Es entstand in kürzester Schreibzeit das kleine Stück musikalischen Theaters „dank kurzer anspannung“, welches ihm gewidmet ist (Nicolaus Richter de Vroe).
Dieser Geburtstagsgruß für Oboe, Violoncello und Klavier wendet seinen kompositionspsychologisch abgeleiteten Titel alsbald ins Szenische. Aber sehen und hören Sie selbst …

Hermann: „Fiktive Tänze“
Arnulf Herrmann repräsentiert die jüngere Generation aus Goldmanns Schule, die sich durch Erfindungsreichtum, Wachheit und handwerkliche Avanciertheit auszeichnet (Nicolaus Richter de Vroe).
Darüber hinaus verlief Hermanns Entwicklung in geographischer Hinsicht gewissermaßen spiegelbildlich zu derjenigen Richter de Vroes: 1968 in Heidelberg geboren, studierte Herrmann zunächst in München Klavier, anschließend Komposition (bei Wilfried Krätzschmar), Musiktheorie und Klavier an der Musikhochschule Dresden. Von 1995 bis 1996 war er am Pariser Conservatoire Schüler von Gérard Grisey und Emanuel Nuñes, ehe er seine Ausbildung in Berlin bei Hartmut Fladt und Jörg Mainka (Musiktheorie) sowie bei Friedrich Goldmann, Gösta Neuwirth und Hanspeter Kyburz abschloss. Arnulf Herrmann verbindet eine enge Zusammenarbeit mit einigen der führenden internationalen Ensembles für zeitgenössische Musik, so mit dem Ensemble Intercontemporain (dessen alle zwei Jahre durchgeführtes Comité de Lecture er 2005 gewann), mit dem Klangforum Wien und besonders mit dem Ensemble Modern. Seine Stücke werden im In- und Ausland gespielt und sind auf Festivals wie z.B. Donaueschinger Musiktage, Wittener Tage für neue Kammermusik, Wien Modern, Ultraschall Berlin präsent. Herrmann erhielt verschiedene Preise und Auszeichnungen, u.a. den Hanns Eisler Preis für Komposition (2001) und den International Rostrum of Composers (für „Terzenseele“, 2006). 2008 wurde ihm der Förderpreis/Kunstpreis des Landes Berlin verliehen. Ebenfalls 2008 war Arnulf Herrmann Stipendiat der Villa Massimo in Rom. 2010 erhielt er den Kompositionspreis (Förderpreis) der Ernst von Siemens Musikstiftung. Arnulf Herrmann ist Dozent für Komposition, Analyse und Instrumentation an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin.
Seine „Fiktiven Tänze“ für 17-köpfiges Ensemble entstanden 2008 (ein zweiter Band, nun für reines Bläserensemble, folgte 2009). „Fiktive Tänze“ – der Titel mag verwundern, doch bei näherer Betrachtung benennt er ein wesentliches Merkmal einer traditionsreichen Gattung: Von den stilisierten, lebensweltlich entschlackten Tanzsätzen der Barocksuiten über Brahms’ „Ungarische Tänze“, die ebenfalls weder zum Tanzen noch eigentlich ungarisch sind, hat man es in der Sphäre der Kunstmusik – und insbesondere im Umfeld der „Neuen Musik“ – fast immer mit „fiktiven Tänzen“ zu tun. (In gewisser Hinsicht ist die Kunstmusik per definitionem auch so etwas wie die Emanzipation vom „grobkörperlichen“ Tanz, der denn auch als sinnliche Spielart von „Gebrauchsmusik“ unter den Generalverdacht ästhetischer Minderleistung und/oder moralischer Anrüchigkeit gestellt wurde.)
Eine Auseinandersetzung mit diesem schillernden Phänomen hat Arnulf Herrmann in seinem Auftragswerk für die Donaueschinger Musiktage unternommen. (Auch Nicolaus Richter de Vroe hat 1993 die „Tänze für Orchester“ mit dem Titel „Entfernt“ komponiert). Und in den fünf attacca aufeinander folgenden Sätzen spielt der Bezug auf ein Rhythmusmodell bzw. die Wiederholung von Motivgruppen naturgemäß eine zentrale Rolle; hinzu kommt ein ausgiebiger Gebrauch von Mikrointervallik, der konventionelle thematische Hörgewohnheiten in die Schranken verweist. Der fokussierte Rhythmus wird vom Klavier, das mit 61 Kunststoffkeilen präpariert ist, angestimmt: Vier gleiche Schläge im ungeraden ¾-Takt – ein „Gerader Tanz“ also unter widrigen synkopischen Umständen. Er ist die facettenreich modulierte Grundlage nicht nur für den ersten Satz, der sich alsbald u.a. durch motivische Imitationen anreichert und verdichtet. Im zweiten Satz („Verlangsamter Tanz“) treten die Pauken hinzu, um zusammen mit dem Kontrabass die Vorherrschaft zu übernehmen und den rhythmischen Grundschlag „schwebend, schwerelos“ (Vortragsanweisung) zu machen. Dabei sekundieren insbesondere die häufigen Taktwechsel sowie die taktweise Neuanordnung der motivischen Binnenstruktur; am Ende erklingt in aller Stille das rhythmische Ausgangsmotiv in seiner Grundgestalt (Pauke). Es folgt ein „Kurzer Rausch (Schiefe Perioden)“, der „eruptiv im Kleinen“ (Vortragsanweisung) als virtuoses Vexierspiel wirbelnder Motivgruppen seinem Namen alle Ehre macht, während in „Auszeit“ zu den Trillern der Flöte (ein gleichsam in die Höhe transponierter Orgelpunkt) die Streicher ein rhythmisiertes Flageolett-Glissando anstimmt, das schließlich – wie, bis auf den letzten, alle Sätze in der ein oder anderen Form – in eine aufsteigende Linie ausläuft. Dieser letzte Satz gibt sich von vornherein als „Schwieriger Tanz“ zu erkennen, und seine schier unerschöpfliche, von Becken und Großer Trommel unwiderstehlich bei Laune gehaltener Fantasie skelettiert sich schließlich nur widerwillig, aber folgerichtig zu jener nackten Repetition, mit der er endet.

Goldmann: „3 Strophen“
Von 1980 bis 1983 war ich Kompositionsschüler bei Friedrich Goldmann an der Akademie der Künste der DDR. Es war eine sehr spannende, von künstlerischer und sozialer Orientierungssuche geprägte Zeit, die bis heute intensiv nachschwingt (Nicolaus Richter de Vroe).
2001, im Jahr seines 60. Geburtstags, komponierte Friedrich Goldmann „3 Strophen“ für Klarinette und Violine. Der Komponist hat sein Werk „eine Art ‚gespaltenen Gesang‘“ genannt – „eigentlich einstimmig, aber auf zwei Instrumente verteilt.“ Das ist eine etwas bescheidene Umschreibung für ein höchst variantenreiches Spiel mit der allfälligen Unisono-Utopie bzw. der Erwartung, alles möge gleichsam „in Reihe und Glied“ klingen. Zwischen Abweichung und Linientreue, Verweigerung und Gehorsam stellt Goldmann der kaum je erreichten (und überhaupt wünschenswerten?) Einstimmigkeit die leichtfüßige Differenz gegenüber. Und das ist wahrlich kein Anlass zu Betrübnis – immerhin, das wussten schon die alten Griechen, entsteht erst aus dezidiert unterschiedlichen Einzelstimmen die echte „harmonia“.
Friedrich Goldmann wurde 1941 im Erzgebirge geboren und war von 1951 bis 1959 Mitglied des Dresdner Kreuzchores. Bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik nahm er 1959 an einem Seminar für Komposition bei Karlheinz Stockhausen teil. Nach dem Kompositionsstudium an der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ in Dresden bei Johannes Paul Thilmann war er Meisterschüler an der Akademie der Künste der DDR bei Rudolf Wagner-Régeny und studierte Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin bei Georg Knepler. Ab 1968 arbeitete Friedrich Goldmann als freischaffender Komponist in Berlin; seit Ende der 70er Jahre war er auch als Dirigent tätig. Nach dem Mauerfall war Friedrich Goldmann bis 1997 Präsident der Deutschen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik. 1991 wurde er als Professor für Komposition an die Hochschule der Künste Berlin (heute Universität der Künste) berufen. Dort leitete er bis 2006 das Institut für Neue Musik. Im Juli 2009 starb Friedrich Goldmann im Alter von 68 Jahren.

Richter de Vroe: „Ein Besuch“
Franz Kafkas 1917 entstandener Text „Ein Besuch im Bergwerk“ steht im Mittelpunkt und auch im Vordergrund der für dieses Konzert entstandenen Ensemblekomposition „Ein Besuch“. In diesem Bericht eines Bergarbeiters kommen vielfältigste Aspekte von Herrschaft, Hierarchie, Zwang und Entfremdung subtil-grotesk aus der Perspektive eines scheinbar Naiven zum Ausdruck.
Ich will dem Motto dieses Konzertes gerecht werden, indem ein Stoff zugrunde gelegt ist, welcher, ohne vordergründig zu politisieren, Dinge aufzeigt, die nach dem Mauerfall ihre Aktualität im Sinne der conditio humana behalten haben.
Die strenge Rhythmisierung des gesprochenen Textes folgt einem „natürlichen“ Erzählduktus und eröffnet gleichzeitig die Möglichkeit präzisester rhythmischer Verknüpfung mit dem Instrumentalensemble. Dieses schafft mit reduzierten Gesten einen Projektionsraum für den Text, ohne ihn bewusst zu kommentieren oder gar zu illustrieren (Nicolaus Richter de Vroe).



Porträt der Mitwirkenden

ensemble unitedberlin
Das 1989 gegründete Ensemble – Sinnbild der wiedergewonnenen Verbindung von Musik und Musikern in der lange geteilten Stadt – ist nicht nur im musikalischen, sondern auch im internationalen Sinne grenzüberschreitend: Gastkonzerte auf Festivals neuer Musik in Albanien, Brasilien, Israel, Polen, Russland, Spanien, Südkorea, China, Ungarn und in der Schweiz begleiten die regelmäßige Arbeit in Berlin. Jüngste internationale Engagements waren Auftritte bei der Biennale Venedig, beim Steirischen Herbst in Graz und in der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom. Integrale Aufführungen im Bereich der neuesten Musik, eingebettet in den Kontext des modernen Kammermusikrepertoires – von Schönberg und Webern bis zu Nono und Cage. Zahlreiche Konzertprogramme in enger Zusammenarbeit mit Kom­ponisten wie Vinko Globokar, Wolfgang Rihm, Mauricio Kagel, Christian Wolff, Toshio Hosokawa, Helmut Lachenmann und György Kurtág. Die Aufführungen wurden von den Kom­ponisten in der Erarbeitung betreut und mit Vorträgen, instrumentalen Workshops und Dokumentarprojekten ergänzt.
Ein besonderes Merkmal des ensemble unitedberlin ist die spartenübergreifende Arbeit. Die fünftei­lige Reihe „Musik im Dialog: Farbe, Form, Figur“ widmete sich den Bezügen zwischen bildender Kunst und Musikstücken der letzen fünfzig Jahre. In Vinko Globokars Musiktheaterwerk „Les Emigrés“ werden Fotografie und Film als Gattungen des szenografischen Geschehens integriert, in Schönbergs „Die glückliche Hand“ und Karl Amadeus Hartmanns „Simplicius Simplicissimus“ das Theater. Gegenwärtige Projekte sind neben der vierteiligen Reihe im Konzerthaus Berlin u.a. ein Projekt mit neuen Kompositionen für ein Ensemble aus asiatischen und europäischen Musikinstrumenten sowie ein Porträtkonzert mit Werken von Vinko Globokar unter Beteiligung des Komponisten.
Zahlreichen CD-Produktionen. Über die CD des Ensembles mit Werken von Luigi Nono (WERGO 6631-2) schrieb Paul Griffiths: „There have been a lot of Nono releases since the composer's death in 1990. This is one of the best“ (New York Times, 29. Dezember 1998).


Martin Glück Flöte  Rafael Grosch Oboe  Erich Wagner Klarinette  Stefan Siebert Fagott  Noam Yogev Horn  Ulf Behrens Trompete  Helmut Polster Posaune  Michael Vogt Tuba Adam Weisman, Edwin Kaliga Schlagzeug  Yoriko Ikeya Klavier  Andreas Bräutigam, Susanne Zapf, Yuki Kasai Violine  Jean-Claude Velin, Nikolaus Schlierf Viola  Lea Rahel Bader, Cosima Gerhardt Violoncello  Matthias Bauer Kontrabass

Sonar Quartett
Das Ensemble setzt seinen Schwerpunkt auf die Musik des 21.Jahrhunderts, arbeitet eng mit Komponisten zusammen, gestaltet Workshops und ist präsent auf großen und kleinen Festivals wie z.B. Ultraschall Festival, Young China vom Hessischen Rundfunk, Siemens Arts Programm, Randspiele Zepernick, Ostrava Days, Intersonanzen
Potsdam, Pan Music Festival Seoul, Forum Neuer Musik Köln, Tage zeitgemäßer Musik Bludenz. Seit seiner Gr
ndung 2006 fördert es junge Komponisten. In der selbst initiierten Konzertreihe „Berlin im Quadrat“, untersttzt durch die Initiative Neue Musik Berlin und den Deutschen Musikrat, wurde dies zum Leitfaden der Programmatik.
Daneben gilt das Interesse des Quartetts auch der Literatur vergangener Epochen und selten gespielter Werke der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
2009 CD-Debüt mit drei Streichquartetten von Georg Katzer in Zusammenarbeit mit dem Deutschlandfunk und NEOS, 2010 folgt eine Einspielung von Werken Walter Zimmermanns bei Mode Records. Aufnahmen mit Werken von Paul Heinz Dittrich und Ursula Mamlock sind in Planung.
www.sonarquartett.de

Yuki Kasai, Susanne Zapf Violine
Nikolaus Schlierf Viola
Cosima Gerhardt Violoncello

Salome Kammer
studierte von 1977 bis 1984 Musik mit Hauptfach Violoncello u.a. bei Maria Kliegel und Janos Starker in Essen. 1983 wurde sie als Schauspielerin von den Städtischen Bühnen in Heidelberg. 1988 zog sie für die Dreharbeiten zu dem Film-Epos „Die zweite Heimat“ von Edgar Reitz nach München. In dieser Zeit begann sie, ihre Stimme auszubilden (u. a. bei Yaron Windmüller). Seit 1990 ist sie in Konzerten für Neue Musik als Vokalsolistin zu hören. Ihr weitgefächertes Repertoire umfasst u.a. Werke von Schönbergs, Weill, Nono, Cage, Berio, Zender, Rihm, Kurtág und Eisler, aber auch die Rolle der Eliza Doolittle in „My Fair Lady“. Mitwirkung bei zahlreichen Produktionen neuer Opern (u.a. Lachenmanns „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ in Stuttgart und Paris, Widmanns „Das Gesicht im Spiegel“ in München, Mundrys „Die Odyssee - Ein Atemzug“ in Berlin und Langs „I hate Mozart“ in Wien). 2007 Uraufführung von Georges Aperghis' „Zeugen“ bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik, 2008 Eötvös' „Lady Sarashina“ in Lyon und Paris auf, 2008/2009 Ligetis „Aventures & Nouvelles Aventures“ in München und Weill-Abend beim Rheingau Musik Festival. In dieser Saison u.a. Auftritte bei den Bregenzer Festspielen, beim Beethovenfest Bonn, beim Kurt Weill Fest Dessau und Kurtágs „Kafka-Fragmente“ in Paris. Zahlreiche Rundfunk- und CD-Produktionen. Salome Kammer unterrichtet Theorie und Praxis der Aufführung Neuer Musik an der Hochschule für Musik und Theater München.
www.salomekammer.de

Ferenc Gábor
stammt aus Siebenbürgen und begann seine musikalische Karriere als Bratschist. Von 1986 bis 1994 war er Mitglied des Israel Philharmonic Orchestra, seither ist er Solo-Bratschist des Konzerthausorchesters Berlin (ehem. Berliner Sinfonie-Orchester). Als Gastdirigent tritt Ferenc Gábor weltweit auf. Er dirigiert verschiedene große Sinfonie-Orchester, Opernensembles sowie auch kleinere Ensembles mit besonderer Besetzung wie die Bochumer Symphoniker, Kammerensemble der Berliner Philharmoniker und des Konzerthausorchesters, das Savaria Sinfonie-Orchester, das National-Sinfonieorchester Costa Rica und das Transilvania-Philharmonie-Orchester Cluj. Als Dirigent und als Dozent an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler” in Berlin leitet er verschiedene Projekte mit zahlreichen Jugendorchestern und Ensembles wie z.B. das Jugendfestspieltreffen Bayreuth oder das Landesjugendorchester NRW. Seit 2004 nimmt er an den Projekten bei der Jungen Deutsche Philharmonie teil. Aufführungen von Opern und Orchesterwerken des zwanzigsten Jahrhunderts haben ihm den Ruf eingebracht, ein hervorragender Interpret und Kenner der neuen Musik zu sein. Zahlreiche Uraufführungen. Regelmäßige Zusammenarbeit mit dem ensemble unitedberlin. 2003 erschien mit ihm eine CD bei Hungaroton Classic. Seit 2002 arbeitet Ferenc Gábor mit der Berliner Sinfonietta92 zusammen, 2007 gründete er das Solistensemble Ligatura Berlin. Im Februar 2009 dirigierte Ferenc Gábor eine Konzert des Budapest Festival Orchesters in der Toulouser Reihe „Les Grands Interprètes“.
www.ferencgabor.com

Herausgeber Konzerthaus Berlin
Intendant Prof. Dr. Sebastian Nordmann
Text Horst A. Scholz
Redaktion Andreas Hitscher