"Vom Äußersten"
Vier Konzerte des ensemble unitedberlin Konzerthaus Berlin - Januar bis Mai 2006


„Vom Äußersten“ handelt nicht von Leben und Werk, sondern vom Leben im Werk des künstlerisch Schaffenden: von Musik als Rückblick auf Lebens- und Schaffensphasen, von Musik als Bild von Werden und Vergehen und als Fragestellung zu Extremsituationen des Daseins, selbst zum Tod. Es geht um Kindheit, Trauer, Gewalt und Verzweiflung, Drogen, Anfang und Ende und es geht auch um Künstler, deren Wirken durch ein jähes Lebensende gezeichnet ist – Claude Vivier, Klaus Nomi, Fausto Romitelli, Jim Morrison. Die Gründe für die Entstehung der vorgestellten Werke sind vielfältig, in jedem Fall ist die Ausgangssituation dafür eng mit der aktuellen Lebensphase des Autors verknüpft. Dies klingt im ersten Moment banal, ist aber angesichts der zeitgenössischen Produktion musikalischer Werke, deren Anregungen oft aus gegenständlichen Anreizen bzw. Überlegungen rühren, nicht unbedingt erwartbar. Uns geht es aber in diesem Projekt darum, die Verarbeitung von erfahrenem Leben im Werk darzustellen. Die Dimensionen, die für uns dabei am interessantesten sind, bewegen sich zwischen Rückblick und Antizipation – Antizipation bis zur Beschreibung der Umstände des eigenen Tods im opus ultimo.

Konzeption: Andreas Bräutigam und Klaus Schöpp


I
Von Claude Vivier kann man sagen: Er verbrannte in den letzten Jahren seines Lebens, „als würde er eine unaussprechliche Ahnung fliehen, ja sogar seinen Tod herbeisehnen...“ (Jean-Noel von der Weid). In diesem Konzert wird zwar nicht sein letztes Werk erklingen - in dem er der Ahnung seines frühen und gewaltsamen Todes Gestalt verlieh -, sondern wir möchten eines der Stücke vorstellen, die ein Ergebnis seiner ausgedehnten Asien-Reisen sind und sich damit auch zu einer Werkreihe schließen. Abgesehen von jenem erwähnten letzten Werk Viviers existieren von ihm keine weiteren Arbeiten aus dieser Zeit, die Stücke nach seinen Asien-Aufenthalten bilden in gewisser Weise die Summe seiner schöpferischen Erfahrung.
Rückschau ist das Thema der beiden anderen Werke des Abends. Quasi ein postscriptum zu einer bereits abgeschlossenen Werkserie, geschrieben aus relativ großem zeitlichen Abstand, ist Nach-Schrift von Wolfgang Rihm, ein Nachsatz zur Chiffre-Reihe aus den achtziger Jahren. Hier begegnen wir einer Reflexion über bereits passierte kompositorische Arbeiten. Dagegen ist für Thomas Adès Living Toys, entstanden ganz am Anfang seiner bisher außerordentlich erfolgreichen Karriere, die Rückschau eines noch sehr jungen Komponisten auf die Gefühlswelt und Erinnerung seiner Kindheit.
Programmhefttext


II
Eine ähnlich sich verzehrende künstlerische Erscheinung wie Claude Vivier war der in Berlin und New York lebende Klaus Nomi (1944 – 1983); er starb an AIDS, als die Krankheit diesen Namen noch gar nicht hatte. Sein Lebenshunger, sein Pendeln zwischen den Extremen - seiner Ausbildung als Countertenor im Opernfach und seinen ausgefallenen, übersteigerten New-Wave-Bühnenshows - haben Olga Neuwirth zu ihrer Hommage bewegt .
Neben diesem Schwerpunkt des Programms stellen wir Aschenblume von Mauro Lanza vor. Der Titel ist einem Gedicht von Paul Celan entlehnt, in Lanzas Werk geht es um den Prozess des Zerfalls von (musikalischen) Gestalten zu kleinsten Teilen, mit dem möglichen Resultat einer aus dieser „Asche“ neu entstehenden Gestalt. Und Gérard Pesson, dessen Musik von weitaus größerer Leichtigkeit beseelt ist, schreibt zu seinem Stück: „Es handelt sich um einen Totentanz, oder genauer gesagt, um eine Folge von kleinen gespenstischen Tänzen, von schrillen und lichtscheuen Bildern. Der Totentanz ist das einzige fröhliche musikalische Genre, das auch tief sein kann.“
Programmhefttext

III
Der kürzlich verstorbene Fausto Romitelli, einer der wichtigsten Vertreter der jüngeren Komponistengeneration Italiens und zeit seines Lebens angezogen vom psychedelischen Rock, hat in Lost Texte aus „The American Night“ der Rock-Ikone Jim Morrison (1943 – 1971) verwendet. Zu Morrisons wichtigsten Vorbildern gehörten die Dichtungen des französischen Symbolismus – darunter waren ihm nicht nur Baudelaires Texte gut bekannt, auch dessen Drogenkonsum. Während für Baudelaire der Gebrauch von Drogen gleichermaßen aus existenzieller Not (um der eigenen Armut zu entfliehen) und aus dem Versuch um Bewusstseinserweiterungen herrührte, leitete Morrison sich die Rechtfertigung für seinen Drogenkonsum (ganz im Sinne des Zeitgeistes) vor allem aus letzterem Grund ab. Dagegen hat für Mark-Anthony Turnage der Missbrauch von Rauschmitteln spätestens seit dem Drogentod seines Bruders eine Bedeutung gewonnen, die die Auseinandersetzung mit diesem Thema zu einem roten Faden in seinem Oeuvre werden ließ.
Eine andere Brücke zwischen Romitelli und Turnage lässt sich über Francis Bacon (1909 – 1992) schlagen. Dessen Bilder waren für beide Komponisten Auslöser, bei beiden taucht völlig unabhängig voneinander der Titel Blood on the Floor auf – überdies finden sich beide in der Nähe von Fusion-Jazz und Jazz-Rock. Mark-Anthony Turnages „Besessenheit vom Jazz“ (Turnage) fließt deutlich auch in die Komposition seines Requiems zum frühen Tod des Cellisten des ensemble modern ein.
Programmhefttext

IV
Samir Odeh-Tamimi studierte bei Younghi Pagh-Paan und lebt zur Zeit in Berlin. Er ist Palästinenser israelischer Staatsbürgerschaft und die sein Volk treffende Situation von Gewalt und Repression durch den israelischen Staat wird in seinen Werken eindrucksvoll und bewegend reflektiert: Intensive Beschäftigung mit Koranrezitierungen und im Islam verwurzelten religiösen Ritualen schlagen sich in den unerbittlichen Klagegesängen seiner Werke nieder, hier findet man Grenzerfahrung der Existenz im wahren Sinn widerspiegelt: Ahinnu II zum Beispiel, angeregt durch ein Gedicht des palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish (geb. 1942), das dieser im Alter von 16 Jahren in einem israelischen Gefängnis schrieb.
Nicht weit vom Thema um Gewalt und Unterdrückung bewegt sich No-Ul (Sonnenuntergang), in dem sich die koreanische Komponistin Younghi Pagh-Paan auf das Kwangju-Massaker (1980) bezieht: „Rote Farbe sinkt wie das Blut von Generationen in die Erde“. Wenn auch die Komponistin zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in ihrer Heimat Korea lebte, so positioniert sie sich doch eindeutig mit diesem Werk als Reflex auf das genannte Ereignis: mit einem tiefen, dunklen, warmen Klang, dem Klang dreier tiefer Streicher als "roter Erdklang" (Pagh-Paan).
Vinko Globokars Werke strotzen geradezu von Nähe zum Menschenleben, seine Kompositionen thematisieren quasi immer menschliche Schicksale und Situationen. In La Prison sperrt er acht Spieler in eine Komposition ein, vier der Instrumentalisten wiederum präsentieren eine Mauer um vier andere Musiker - Sinnbild für welche Umstände? „...Globokars Gefängnismusik beeindruckte durch eine klangliche Radikalität, die Zerbrochenheit und Stärke ebenso in eins setzt wie Isolation und Rebellion." (Gisela Nauck)
Programmhefttext