Karl Amadeus Hartmann - Simplicius Simplicissimus

Drei Szenen hat Hartmann aus Grimmelshausens Roman ausgewählt, die den Weg des jungen Simplicius nachvollziehen: vom Bauernhof, auf dem der Knabe aufwächst und der von plündernder Soldateska verwüstet wird, über die Welt des Einsiedel, der den Jungen die "Tugenden von den Lastern zu unterscheiden" lehrt, in die Gesellschaft des Gouverneurs, in die ihn Landsknechte verschleppen. Seiner scheinbaren Einfalt wegen zum Hofnarren ernannt, entwirft Simplicius in der Allegorie des Gesell-schaftsbaumes ein Bild der gegenwärtigen Unterdrückungsordnung. Hartmanns Stil zeigt sich in diesem Werk von vielfältigen Einflüssen geprägt, die von Strawinsky über Prokofjew bis Alban Berg reichen; er bezieht zudem aber auch Elemente der Volkstradition ein, wie zwei Lieder aus dem deutschen Bauernkrieg und den jüdischen Trauergesang "Elijahu ha-navi". Auch in dieser Integration von zur Nazizeit mißliebigen musikalischen Quellen erweist sich Hartmann als ein enorm produktiver Widerständler mit den Mitteln der Kunst und als ein Bekenntnismusiker im besten Sinn.


Krieger und Kammertöne
... Wenn Olivia Stahn mit kindlichem Sopran den Wandel des Simplicius vom denkbar einfachen Bauernjungen zum von Erfahrung Gezeichneten spielt, dann ist das ein rein ästhetisches Vergnügen.
Hier liegt der Reiz der wunderbaren Aufführung (wieder am 16.,17. und 23.9.) Der Regie von Henriette Sehmsdorf und Stefan Bleidorns Ausstattung gelingen mit wenigen Mitteln eine Vielzahl von inhaltsreichen Bildern.
Eine gelungene Besetzung: Martin Schubach mit derbem Bariton als Soldat, der unrasierte Bass Michael Ziegler als Hauptmann und der knopfäugige Florian Hoffmann als Gouverneur. Besonders tief berührt Christoph Schröter als Einsiedel. Sein Tenor erstarrt zur Melancholie eines Mannes, dem der Krieg den Lebens willen nahm. Und in den musikalischen Kommentaren vom Chor und dem Ensemble UnitedBerlin unter Leitung von Gerd Herklotz kommt der bei aller Stilvielfalt immer elegische Hartmann zu Ruhm und Ehre.

DER TAGESSPIEGEL, 5. 9. 2005


Anrührend dagegen, unepisch, Olivia Stahns Simplicius, wie insgesamt diese Aufführung berührt, wann immer sie ihr brechtsches Korsett aufschnürt und der gehobene Zeigerfinger, vom Landsknecht abgehackt, nur noch ein Stumpf ist und man den Schrei hört, um den der Chor die Klage führt und um den das Ensemble United Berlin so konzentriert musiziert. Bisweilen erreicht das ein fast antikes Tragisches und macht, wie Hartmann wollte, die elende deutsche Kontinuität auf beklemmendste Weise deutlich. 

FAZ, 5. 4. 2009