Arnold Schönberg - Die glückliche Hand



„Spiel mit Farben und Formen“

Nicht zufällig hat Schönberg kurz nach Entstehung der Orchesterstücke ein weiteres Werk komponiert, das in wesentlichem Sinne auf Farben basiert - seinen damals ebenfalls enormen Schaffensschub als Maler nicht eingerechnet. Gemeint ist das in den Jahren 1910 bis 1913 entstandene „Drama mit Musik“ Die glückliche Hand op. 18, in dem Schönberg sein synästhetisches Ideal von der Emanzipation sämtlicher szenischen Parameter, vom „Musizieren mit den Mitteln der Bühne“ (Schönberg) verwirklicht hat - Farben, Formen und Figuren werden behandelt, als ginge es um Töne; mit ähnlichen Gedanken entwarf Wassily Kandinsky ungefähr zur selben Zeit seine „Bühnenkomposition“ Der gelbe Klang.

„In der Glücklichen Hand handelt es sich vor Allem:
I. um das Farben-Licht-Spiel. Hierzu sind sehr starke Lichtquellen nötig und gute Farben: Die Dekoration muß so gemalt sein, daß sie die Farben annimmt!
II. Der Aufbau der Bühne und das Bild wird aus tausend Gründen haarscharf nach meinen Anweisungen erfolgen müssen, weil sonst nichts stimmen wird. Ich habe seinerzeit Bilder hierfür angefertigt [...]
III. Ich habe auch die Stellungen der Schauspieler und die Wege, die sie zurückzulegen haben, genau fixiert. Ich bin überzeugt, daß man das genau einhalten muß, wenn alles ausgehn soll. [...]“
(aus einem Brief Schönbergs an Ernst Legal, den Intendanten der Kroll-Oper, vom 14. April 1930)

Das symbolistisch-expressionistische Drama, das Schönberg unter dem Einfluß Strindbergs und Wagners verfaßt hat, kreist um das schöpferische Prinzip „Mann“ - die einzige gesungene Rolle -, das sich den eher lebensweltlichen Vertretern „Weib“, „Herr“ und „Handwerker“ gegenübersieht, welche letztlich über seinen eitel-naiven Besitzanspruch triumphieren (Es ist nicht ohne Pikanterie, daß die Uraufführung dieses Werks im Jahr 1924 in der Wiener Volksoper mit einer Aufführung von Franz Schuberts komischer Oper Der häusliche Krieg gekoppelt wurde). Die Musik, von der Theodor W. Adorno behauptete, sie sei „vielleicht das Bedeutendste, was Schönberg gelang“, erfordert ein Riesenorchester - Grund genug, eine Bearbeitung in der Tradition Schönbergs und Greissles zu wagen.

Diese Bearbeitung - eine Auftragsarbeit des Konzerthauses Berlin - hat der hierzu gleichsam prädestinierte Komponist Berthold Tuercke vorgenommen. Tuercke nämlich erlernte sein kompositorisches Handwerk bei Felix Greissle selber sowie den Schönberg-Schülern Rudolf Kolisch und Leonard Stein in den USA. Seine eigenen Werke werden bei internationalen Festivals aufgeführt; Ensembles wie das Kronos Quartet und Institutionen wie die Kieler Oper haben bei ihm Kompositionen in Auftrag gegeben. 1994 erhielt er den Förderpreis der Ernst-von-Siemens-Stiftung.
Tuerckes Bearbeitung wartet gegenüber Schönbergs Instrumentation nicht nur mit allfälligen Reduktionen und wohldisponierten Umverteilungen, sondern mit einer Reihe neuer Spieltechniken und Klangfarben auf: Saxophon, Akkordeon (zweifach), Klavier, Vibraphon und Marimbaphon. Auf diese Weise erscheint, so vermessen dies klingen mag, das Klangbild stellenweise vielleicht gar „farbiger“ als das Original selbst.

© Horst A. Scholz