WOHER - WOHIN?
Komponieren heute

Samstag, 17.4.99
19.30 Uhr
Kleiner Saal

Toshio Hosokawa

Ensemble UnitedBerlin
Hans Zender, Leitung
Ksenia Lukiç, Sopran
Asako Urushihara, Violine

Hans Zender (* 1936)
Fûrin no kyo für Sopran und Ensemble

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Isang Yun (1917-1995)
Images für Flöte, Oboe, Violine und Violoncello

Toshio Hosokawa (* 1955)
Voyage I für Violine und Ensemble
Im 20. Jahrhundert lernten europäische Komponisten erstmals die großen fernöstlichen Musiktraditionen kennen, und Komponisten aus Fernost begegneten der Neuen Musik Europas. Weder die Selbsterweiterung Europas noch die Assimilation Ostasiens kann die Folge sein. Aber ist die Begegnung fruchtbar zu machen? Jeder Komponist dieses Abends sucht auf seine Weise nach einer Antwort.
Toshio Hosokawa


Wenn sich ein Europäer mit asiatischer Musik beschäftigt, so ist schnell der Verdacht bei der Hand, hier bediene sich jemand schmückenden exotischen Beiwerks (man würde vielleicht auf Lully, Gluck oder Puccini verweisen) oder aber betreibe postkolonialen Kulturkolonialismus. Hans Zenders langjährige Beschäftigung mit fernöstlichem Denken ist über solche Erwägungen erhaben; von aller weltanschaulichen Affinität abgesehen, verdankt sie sich seinem grundsätzlichen Ideal eines "offenen ästhetischen Horizonts", dem Wunsch, die
Happy New Ears möchten nicht allzeit eurozentrisch kreisen.

Fûrin no kyo, 1989 entstanden und Helmut Lachenmann sowie dem Ensemble Modern gewidmet, ist eines der intrikatesten Beispiele dieser Auseinandersetzung.

Dem Stück liegt ein Vierzeiler des japanischen Zen-Mönches Ikkyu zugrunde. Fû bedeutet Wind, Rin Glocke: es ist ein Gedicht über die akustische Wahrnehmung. Die vierteilige Komposition bringt das Gedicht in vier Sprachen: im ersten Teil erscheint der Text in Japanisch, im zweiten in Englisch. Dann folgt eine Kadenz der Instrumente. Der dritte Teil bringt den Text in Deutsch, und im vierten entsteht ein Wirbel durch ineinandergeschobene japanische, englische, deutsche und chinesische Sprachfetzen, die zusammengenommen das gesamte Textmaterial ausbreiten.
Jeder der vier Teile hat wiederum eine korrespondierende Beziehung zu den jeweiligen Zeilen des Gedichtes: der in seiner betrachtenden Haltung, der zweite im spielerischen Vergleich; der dritte in seinem dramatischen Aspekt, und der letzte in der ekstatischen Vertiefung in die rationale Undurchdringlichkeit des Ganzen.
Hans Zender

Offenkundig für den vierten, aber auch für die komplexe Binnenstaffelung der anderen Teile gelten Izutsus Worte, die Zender im Zusammenhang mit den von ihm überaus geschätzten
Sept Haikai Olivier Messiaens zitierte: Man kann sagen, daß in einem solchermaßen konstituierten Feld die Zeit stillsteht oder sogar aufgehoben ist in dem Sinne, daß die Bedeutungen aller Wörter gleichzeitig in einer einzigen Sphäre gegenwärtig sind.

Fûrin No Kyo

Jo ji mu kyo do ji mei
rin yu sei ya fu yu sei
kyo ki ro kan haku chu su
ka shu nichi go da san ko.

Stille Zeit: Nichtklang.
Bewegte Zeit: Schall.
Ist es die Stimme der Glocke -
Ist es die Kraft des Windes?
Erschreckt fährt er auf - der alte Mönch
aus seinem Mittagsschlaf.
Da! Was ist das?
jetzt zur Mittagszeit
die Mitternachtsglocke?

Isang Yun

Wenn sich ein Koreaner oder Japaner mit europäischer Musik beschäftigt, so ist schnell der Verdacht bei der Hand, da entsage jemand seinen Wurzeln, um sich an die vermeintliche "big story" des sogenannten Abendlandes anzukoppeln. Allzu kurz gedacht, natürlich. Sowohl Isang Yun als auch Toshio Hosokawa sind treffliche Gegenbeispiele; beide haben außerdem betont, wie sehr sie gerade in der Auseinandersetzung mit den europäischen Traditionen das Bewußtsein ihrer eigenen, fernöstlichen Identität erfahren haben. "Der Mensch wird am Du zum Ich" (M. Buber).

Jenseits aller Folklore hat etwa Isang Yun in seinem Komponieren fernöstliche und europäische Traditionen der Musik verbunden. In dieser Synthese zweier unterschiedlicher Ausdruckswelten hat er zugleich eines der Hauptprinzipien des Taoismus realisiert, nämlich die Idee des dialektischen Ausgleiches, der unendlichen Harmonie der Gegensätze, wie sie sich beispielhaft im Ineins der widerstrebenden Kräfte Yin und Yang zeigt - eine zutiefst humanistische Intention, die Yun zugleich als eine politische verstand: als Aufruf gegen Intoleranz und Verfolgung aller Art.
Komponieren bedeutet für mich, Geheimnisse zu suchen und zu finden, ein Land des Experiments. Seit Anfang der sechziger Jahre bis heute bin ich innerhalb von drei oder vier Stücken nie auf der Stelle geblieben, immer habe ich weiter und weiter gesucht. Mehr und mehr beschränke ich mich nun auf das Substantielle, um mehr Frieden, mehr Güte, mehr Reinheit und Wärme in diese Welt zu tragen. (I. Yun, 1992)

1968 schrieb Yun ein Werk für Flöte, Oboe, Violine und Violoncello, das keine Welt allein aus sich gebären will, wie dies die ideelle Zielvorgabe der "absoluten" Musik war, sondern eine bewußte Metamorphose der Musik an die Bildhauerei darstellt:
Images.

'Images' beschwört die Erinnerung an ein Grabfresko aus dem 6. Jahrhundert n.Chr. in der Nähe von Pyong-Yang, das eine phantastische Tiergestalt, eine Vereinigung aus den Schutzgöttern Drache, Tiger, Phönix und Schildkröte, darstellt. Den Farben, Linien, Kontrasten und Verschmelzungen dieses in aller Gegensätzlichkeit einheitlichen Wandgemäldes entsprechen die strukturellen Einzelheiten und die formalen Gesichtspunkte des Quartetts.
Isang Yun

Programmusik also, gewissermaßen, vertontes Fresko, gewissermaßen, und doch viel mehr...

Toshio Hosokawa

Auch Toshio Hosokawa hat die "autonome" musikalische Logik europäischer Provenienz erfahren, an ihr aber vor allem das eigene, fernöstliche Klangdenken geschärft: ...
ohne die Begegnung mit westlichem Denken wäre es mir ganz unmöglich gewesen, meine eigene kulturelle Prägung sozusagen objektiv wahrzunehmen (T. Hosokawa).

Wie Yun geht es auch Hosokawa in den 1997 komponierten
Voyage um das gleichsam Haptische des Klanges, das indes hier nicht als akustische Silhouette eines Reliefs verstanden ist, sondern sich selber zum Gegenstand wird, seine "Stofflichkeit" hervorkehrt, dem eigenen Atem lauscht - denn Atem ist, so Hosokawa, das Fundament der Musik.

Das der Zen-Meditation zugrundeliegende Prinzip ist 'Chosoku', die Regulierung des Atems. Über eine lange Zeitspanne hinweg verläuft ein Prozeß des langsamen Ein- und Ausatmens: was innen ist, bewegt sich nach außen; was außen ist, bewegt sich nach innen, und das Sein wird eins mit dem Fluß des Universums. Ausatmen - das eigene Sein in die Welt hinaus atmen: Einatmen - das Universum zu sich herein lassen. Das schließt den eigenen Tod mit ein und auch die Auferstehung.

Meine 'Voyage'-Reihe ist eine Reise in die Innenwelt, die parallel zu dieser Zeit des Atems verläuft. Jeder Spieler interpretiert diesen spiralförmigen Prozeß des Ein- und Ausatmens, formt seine eigene Spirale und folgt einem Weg immer weiter in die Tiefe seines Inneren hinein. Indem ich subtilen Klangveränderungen nachspüre, versuche ich, die Tiefen einer Welt und einer Zeit zu erfahren, die in unserem Alltag verborgen bleiben.

Toshio Hosokawa

Es sind denn auch sanfteste Einschwingvorgänge, mit denen Hosokawas Reisebericht anhebt: "enter imperceptibly" - "enter very gently" - "like breath" - "like wind". Hosokawa transponiert hier gleichsam ins orchestrale, was er in seinem
Atem-Lied (ebenfalls 1997) einem "Ateminstrument", der Baßflöte, zugedacht hatte: den Atem nicht nur als Rohstoff für einen gleichsam "entschlackten", "reinen" Ton zu verwenden, sondern ein musikalisches Abbild des Atmens selber zu entwerfen - das allmähliche Einatmen der geräuschhaften pianissimo-Eröffnungen, sodann die Steigerungen, motivischen Verdichtungen und Variationen, schließlich das Ausatmen mit dem Verklingen in notierter Stille. So entsteht eine faszinierende Klangwelt, in der die proportional definierten Ein- und Ausschwingvorgänge die Aufhebung gerichteter Zeit betreiben und mit der vibrierenden Synthese von Innerem und Äußerem zu einem "neuen Raum der Musik" (Hosokawa) aufbrechen. Bon voyage.


Woher - wohin? Selbstgefälliger oder ängstlicher Isolationismus ist wohl der Anfang vom Ende einer einstmals lebendigen Kultur. Allen schalen Anklängen an UN-Sonntagsreden und
political correctness zum Trotz, kann der weltmusikalische Diskurs, so fiktiv er im Detail sein mag, ein Motor kreativer Anregung und, ja, menschlicher Toleranz sein. Die wache, neugierige Reise nach Außen führt immer auch in ein erweitertes Innen.


Am morgigen Sonntag, den 18. April 1999 um 11.00 Uhr, wird Toshio Hosokawa einen Vortrag mit dem Titel "Die Reise nach Innen" halten. Sie sind herzlich in den Studiosaal der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" eingeladen.

© Horst A. Scholz