17. März 2013, 20.00 Uhr - Radialsystem V
Holzmarktstraße 33, 10243 Berlin

Michael Jarrell -
Kassandra

Monodrama für Sprecherin und Instrumentalensemble mit Elektronik (1993/1997) nach der Erzählung von Christa Wolf (Bearbeitung Gerhard Wolf)


Kassandra ist die Geschichte einer Außenseiterin in einem kriegführenden Staat. In der griechischen Mythologie prophezeit sie den Untergang ihrer Heimatstadt Troja, findet jedoch kein Gehör. Sozial gebunden an die herrschende Oberschicht und emotional an ihren Vater gefesselt, ringt sie bis zu ihrem Tod um ihre Autonomie.

Zu Beginn der 1980er Jahre, während der Kalte Krieg zwischen Ost und West mit der nuklearen Hochrüstung einen Höhepunkt erlangt, greift die deutsche Schriftstellerin Christa Wolf (1929–2011) in ihrer Erzählung
Kassandra den Mythos dieser tragischen Figur auf. Die emblematische Erzählung, die 1983 zeitgleich in der Bundesrepublik und der DDR publiziert werden konnte, machte die Autorin auf einen Schlag berühmt. In verschlüsselter Form bezieht sie den antiken Mythos auf die autoritär-patriarchal geprägten Verhältnisse in ihrem Land.
Der Schweizer Komponist Michael Jarrell stellte in seinem Musiktheaterwerk den inneren Monolog der intellektuellen „Seherin“ in den Mittelpunkt. Die aufreibende Selbstanalyse, gesprochen von der charismatischen Anna Clementi, ist eingebunden in die spannungsvolle Musik eines „Miniatur-Orchesters“, das Elektronik mit einbezieht und in dem das Schlagzeug eine prominente Rolle spielt.
„Ich habe immer mehr an Bildern gehangen als an Worten, es ist wohl merkwürdig und ein Widerspruch zu meiner Berufung. Das letzte wird ein Bild sein, kein Wort. Vor den Bildern sterben die Wörter“, so spricht Kassandra. Die neue Inszenierung des Monodramas greift diese Gedanken auf. Durch Videosequenzen, in die die Sprecherin Anna Clementi per Live-Kamera „eintreten“ kann, wird die Bildhaftigkeit des Textes von Christa Wolf betont.

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Fotos: Andi Olson


Kritiken aus dem Festival MaerzMusik 2013

"Für die Griechen gibt es nur entweder Wahrheit oder Lüge. Leben oder Tod. Es ist das Andere, das sie zwischen ihren scharfen Unterscheidungen zerquetschen, das Dritte, das lächelnde Lebendige." Brisante Textpassagen, die in Jarrells sensibler Vertonung die eminente Kraft der Worte bewahren. Faszinierend, wie der Komponist eine der textlichen Vorlage adäquate Klangdramaturgie formt, die stellenweise suggestiven Ausdrucksgestus beschwört. Phänomenal, wie Anna Clementi in dieser Produktion der Nimrod Opera Zürich mit ihrer virtuos spielenden Stimme die imposanten Wortkaskaden des inneren Monologs der Kassandra ebenso spannungsvoll bewältigte, wie sie auch die eher intimeren Textpassagen nuanciert ausleuchtete. Ihr zur Seite das in neuer Musik bestens bewährte ensemble unitedberlin, das unter Andrea Pestalozzas Leitung die vehementen Klangvisionen der Partitur differenziert ausformte. Ein Höhepunkt der diesjährigen Maerzmusik! (Dietrich Bretz)

Kieler Nachrichten, 2. 4. 2013


Wie konzentriert, dicht, verbindlich klingt da Michael Jarrells «Kassandra» nach Christa Wolf. Bereits 1993 entstanden und später überarbeitet, hat diese brillant durchgestaltete «gesprochene Oper» für Ensemble und Schauspielerin nichts von ihrer expressiven Wucht verloren. Ein innerer Monolog. Stimmungsbilder, driftende Emotionen, fliehende Gedanken einer im Moment tödlicher Bedrohung starken Frau. Anna Clementi trifft alle Nuancen der Sprechrolle bravourös, das Ensemble United Berlin unter Andrea Pestalozza entfaltet die suggestive Dringlichkeit der Musik mit feinem Gespür. Die banal-illustrative Bebilderung - vorproduzierte Filmsequenzen und live eingeblendete Zooms der Sprecherin (Vox MultiMedia Ostrava) - hätte man sich freilich sparen können. (Albrecht Thiemann)

Opernwelt Nr. 5, Mai 2013