Programmhefttext von Horst A. Scholz:

Donnerstag, 24.03.2016
20.00 Uhr Werner-Otto-Saal

ensemble unitedberlin
Vladimir Jurowski Dirigent

„Shockingly difficult to play …“
John Adams

Franck Bedrossian (*1971) "Swing" für elf Instrumente
Pierre Jodlowski (*1971) "Drones" für fünfzehn Instrumente

Pause

John Adams (*1947) Chamber Symphony
Mongrel Airs
Aria with Walking Bass
Roadrunner


Saturiertheit & Avantgarde?
Auch wer romantischen Künstlerposen eher skeptisch gegenübersteht, wird lange brauchen, ein unvereinbareres Begriffspaar als das obige zu finden. Doch weit gefehlt: Seit einem knappen Jahrzehnt ist „Saturation” gleichsam in aller Munde, bezeichnet es doch einen aktuellen Trend französischen Komponierens, der insbesondere mit den Namen Franck Bedrossian und Raphaël Cendo verbunden ist – und, das sei eingestanden, mit „Saturiertheit” natürlich nicht viel gemein hat. „Das saturierte Phänomen in der Akustik“, erläutert Cendo, „ist ein Übermaß an Klangmaterial, an Energie, an Bewegung und Klangfarbe“. Im engeren Sinne: Klanglich Überbordendes, geräuschhaft Überzeichnetes, unharmonisch (auch elektronisch) Verzerrtes – kurz und gut: eine Ästhetik komplexer Klänge, die sich nicht als Spielart von Verweigerung, sondern als lustvoller, stilistisch tabuloser Umgang mit veränderten Wahrnehmungsweisen versteht. Ist doch der unreine, verfremdete, berstende, exzessive Klang, vor dem uns die meisten Altvorderen warnten, im Zeitalter von Sampler, Noise und Industrial längst zur „zweiten Natur” geworden.


Franck Bedrossian: „Swing“
ENTSTEHUNG 2009
URAUFFÜHRUNG 18. Oktober 2009, Donaueschingen (Ensemble Ictus, Leitung: Georges-Elie Octors)
BESETZUNG Flöte (auch Altflöte und Pikkolo), Klarinette in B (auch Bassklarinette), Altsaxophon (auch Baritonsaxophon und Sopransaxophon), Schlagzeug, präpariertes Klavier, Folk-Gitarre (Stahlsaiten), Violine I & II, Viola, Violoncello, Kontrabass
DAUER ca. 25 Minuten

„Dieses Werk“, schreibt Bedrossian, „entwickelt eine wesentlich auf dem Konzept der Saturation (Farbsättigung) beruhende Ästhetik fort, deren Anfänge schon in einigen meiner früheren Werke erkennbar sind, insbesondere in ‚It‘ (2005) und ‚Charleston‘ (2007). Auch hier sind die impliziten Verweise auf die Jazzmusik ironische Anspielungen, denn jedes konnotierte musikalische Element wird umgestaltet, erhält auf bisweilen fast subversive Weise eine andere Bedeutung; es taucht auf und verschwindet wieder hinter einem alles überwuchernden, unberechenbaren Klangmaterial. Zwischen diesen Elementen und der dominanten Klangfarbe etabliert sich eine oft konfliktgeladene Dialektik, die strukturierende Funktion erhält. Das Werk besteht aus zwölf Episoden unterschiedlicher Dauer, die meist ohne Unterbrechung aufeinander folgen. Die innere dramatische Spannung erzeugt einen eigenen Rhythmus, gekennzeichnet von einer Ereignisfolge, deren Tempo sich nach und nach entweder verlangsamt, scheinbar statisch bleibt oder aber heftig beschleunigt. Die durch den Werktitel suggerierte Idee des Schwingens ist allgegenwärtig. Sie erweist sich als konstitutiv für die Klangfarbe (stetes Hin und Her der Klanggewebe) und für die Architektur im Allgemeinen (Elastizität der Proportionen).“
AUFGEHORCHT
Bedrossian verfremdet den Klavierklang, indem er Metallschrauben zwischen einzelne Saiten stecken lässt („präpariertes Klavier“) und dem Pianisten außerdem Styropor, Fahrradschlauch, Plastik, Aluminiumfolie, Münze und Bürste an die Hand gibt …
„Instabile Korrespondenzen und heftige Kontraste schaffen im Spiel mit den Klangidentitäten ein dynamisches Ungleichgewicht, so dass ein Ideal von Deformation und Mehrdeutigkeit aufscheint. Der Einsatz der Verzerrung fungiert über die Konsequenzen für die Plastizität des Tons hinaus als ein Mittel, den Ausdrucksgehalt jeder Geste umzustürzen, als eine Art und Weise, Instrumente anders zu spielen, die sonst verborgenen Seiten ihres Korpus zu enthüllen, der fast ein Körper ist. Hin und wieder gebiert dieser Ausdruck des Exzesses ein unentwirrbares Gewebe komplexer Töne – allerletzte Umwandlung eines saturierten Phänomens.“
Franck Bedrossian, 1971 in Paris geboren, studierte bei Gérard Grisey, Brian Ferneyhough, Tristan Murail und Helmut Lachenmann. Seine Werke wurden in Frankreich und im Ausland von Ensembles wie dem Ensemble Intercontemporain, dem Quatuor Danel, dem Ensemble Modern und dem Orchestre National de Lyon aufgeführt. Er erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen; 2006 bis 2008 war er Stipendiat der Villa Medici in Rom. Seit 2008 unterrichtet er Komposition an der University of California/Berkeley.


Pierre Jodlowski: „Drones“
ENTSTEHUNG 2007
URAUFFÜHRUNG 28. September 2007, Paris (Ensemble Intercontemporain, Leitung: Susanna Mälkki)
BESETZUNG Flöte, Altflöte, Klarinette in B, Bassklarinette, Kontrafagott, Horn in F, Trompete in C, Posaune, Schlagzeug, Klavier, Violine I & II, Viola, Violoncello, Kontrabass
DAUER ca. 17 Minuten

Auch der Franzose Pierre Jodlowski bevorzugt komplexe, aufgeladene Klänge mit großer Affinität zu stilistischen Entgrenzungen, Seine Ensemblekomposition „Drones” aus dem Jahr 2007 fokussiert dies auf exemplarische Weise. „Der Begriff ‚Drones‘“, so Jodlowski, „ist dem Englischen entlehnt und bedeutet wörtlich ‚Dröhnen‘ – ein parasitäres Geräusch. Seinen Ursprung hat das Wort im Mittelalter, wo man es mit der Musik verband und, an der Wiege der Polyphonie, mit ihm die Technik des Fauxbourdon bezeichnete. Zugleich wird es für die Flugdrohnen verwendet, die in den heutigen Kriegen zum Einsatz kommen. Außerdem bezeichnet man mit ihm jene Klang-‚Drones‘, wie sie das bedrohliche Fundament der Filme von David Lynch bilden ... All diese Bedeutungen spiegeln sich auf mannigfache Weise in dieser Musik wider.“
Und das tun sie vor dem Hintergrund eines beharrlich vorwärtsdrängenden Pulsschlags, der von einer unbändigen Fülle an Akzenten, Projektilen und Querschlägern perforiert wird – ein hochvirtuoser, mitunter improvisiert erscheinender Klangrausch an den Rändern zum Jazz, ein bezwingender Brückenschlag hin zu der musikgeschichtlich noch nicht vollends eingelösten Idee der „Big Band“.
KURZ NOTIERT
Pierre Jodlowski sieht ein Schlagzeug vor, das die nuancierte Balance mit dem Ensemble wahrt, dabei aber im Klangbild explizit dem „modernen Jazz und Rock“ nahekommt.
Pierre Jodlowski, 1971 in Toulouse geboren, ist Musiker, Komponist und Multimedia-Künstler, der sich mit Vorliebe in den Grenzbereichen zwischen akustischen und elektronischen Phänomenen bewegt. Seine Musik definiert Jodlowski selber als „aktiven Prozess” auf physikalischer (musikalische Gestik, Energie und Raum) und psychologischer Ebene (Gedächtnis und visuelle Dimension des Klangs). Er arbeitet mit renommierten Solisten und Ensembles wie dem Ensemble Intercontemporain und Ictus (Belgien) zusammen und hat zahlreiche Kompositionsaufträge erhalten (IRCAM, Französisches Kulturministerium, Donaueschinger Musiktage, Radio France). Der Gewinner mehrerer internationaler Wettbewerbe war in den Jahren 2003/04 Stipendiat der Akademie der Künste in Berlin.


John Adams: Chamber Symphony
ENTSTEHUNG 1992
URAUFFÜHRUNG 17. Januar 1993, Den Haag (Schönberg Ensemble, Leitung: John Adams) BESETZUNG Flöte (auch Pikkolo), Oboe, Klarinette in Es (auch Klarinette in B und in A), Bassklarinette (auch Klarinette in B), Fagott, Kontrafagott (auch Fagott), Horn in F, Trompete in C, Posaune, Synthesizer, Schlagzeug, Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass
DAUER ca. 23 Minuten

Für seine „Chamber Symphony“ aus dem Jahr 1992 wählte der Amerikaner John Adams eine ganz ähnliche Besetzung wie Jodlowski, lehnte sich damit aber explizit an Arnold Schönbergs Kammersinfonie Nr. 1 op. 9 (1906) an: 15 Soloinstrumente, erweitert insbesondere um Synthesizer und Schlagzeug. Doch damit nicht genug – eine weitere Inspirationsquelle, die Puristen ein wenig verstören mag, gesellte sich hinzu: „Ich saß in meinem Atelier und studierte die Partitur von Schönbergs Kammersinfonie. Allmählich wurde mir bewusst, dass mein siebenjähriger Sohn Sam nebenan im Fernsehen Zeichentrickfilme anschaute – die guten, alten aus den Fünfziger Jahren. In meinem Kopf vermischten sich die enorm lebendige, aggressive und akrobatische Trickfilmmusik mit der Musik Schönbergs, die ebenfalls sehr lebendig, akrobatisch und durchaus aggressiv ist. Mir wurde plötzlich klar, wieviel diese beiden Traditionen gemein haben.“
Bis dahin hatte Adams vornehmlich mit dem „breiten Pinsel auf der großen Leinwand“ gearbeitet, hatte sich auch dann mehr mit der Disposition von Klangmassen beschäftigt, wenn er nicht – wie zumeist – Orchesterwerke und Opern komponierte. „Mit der Kammermusik“, so der Komponist, „und ihrer polyphonen, demokratischen Rollenverteilung hatte ich mich bis dahin immer schwergetan“. Auf der Suche nach eigenen kammermusikalischen Ausdrucksmöglichkeiten, in denen „sich das Gewicht und die Masse eines symphonischen Werks mit der Transparenz und Beweglichkeit eines Kammermusikstücks verbinden ließen“, wiesen ihm die scheinbar so disparaten Traditionen ‚Kammersinfonie‘ und ‚Trickfilmmusik‘ den Weg.
KURZ NOTIERT
Ironie technologischen Fortschritts: In Adams‘ Partitur verstehen sich Art und Beschaffenheit der zahlreichen herkömmlichen Instrumente „von selbst“; einige Mühe aber ist für die Klärung der Frage aufgewandt, was zu geschehen hat, wenn der ursprünglich vorgesehene Synthesizer wegen Produktionsstopp von einem Software-Sampler emuliert werden muss. Was mittlerweile, über 20 Jahre nach Entstehung, längst geschehen ist – und immer wieder von neuem auf die je aktuellen Programme angepasst werden muss …
Und so zitiert der Beginn des ersten Satzes, „Mongrel Airs“ („Bastardlieder“), mit seinen Quartschritten Schönbergs Kammersinfonie Nr. 1, um bald schon einem dichten, polyphon durchwirkten und ostinat zäsurierten Klanggeflecht von großintervalliger Struktur zu weichen. Die „Aria with Walking Bass“ entlehnt dem Jazz den motorischen Bassgang und in weiterem Sinn die beharrlich präsente Fundamentmotivik, während im Finale ein hyperaktiver „Roadrunner zu einer wilden Hatz aufbricht, in deren Verlauf die Violine die Einsamkeit des (führenden) Langstreckenläufers durchlebt, um schließlich doch vom großen Feld wieder eingeholt zu werden. Aber was heißt schon „großes Feld“ in einem solistisch angelegten Werk, das der Komponist nicht von ungefähr als „shockingly diffcult to play“ bezeichnet hat?


Im Porträt
ensemble unitedberlin
1989 wurde das ensemble unitedberlin gegründet – damals Sinnbild der wiedergewonnenen Verbindung von Musik und Musikern in der lange geteilten Stadt. Gastkonzerte zu Festivals neuer Musik in Europa, Asien und auf beiden amerikanischen Kontinenten begleiten seitdem die Arbeit in Berlin. Jüngstes internationales Engagement waren Konzerte in Südkorea (Oktober 2015).
Das Ensemble präsentiert Aufführungen im Bereich der neuesten Musik sowie der etablierten Ensembleliteratur und zeichnet sich dabei in seinem Profil durch die Realisierung großbesetzter Projekte aus. Zahlreiche der Programme sind in enger Zusammenarbeit mit bedeutenden Komponisten entstanden, unter anderem mit Wolfgang Rihm, Mauricio Kagel, Vinko Globokar, Christian Wolff, Toshio Hosokawa, Helmut Lachenmann und György Kurtág. Die Arbeit des Ensembles dokumentiert sich in mehreren CDs, die unter internationaler Beachtung veröffentlicht wurden. Gemeinsam mit dem international erfolgreichen Dirigenten Vladimir Jurowski als Artistic Advisor ist unitedberlin für diese und die nächste Saison vom Konzerthaus Berlin als Ensemble in Residence eingeladen. Damit schließt sich für Ensemble und Dirigent ein Kreis, der sich bereits vor über 20 Jahren mit gemeinsamen Konzerten und CD-Produktionen zu öffnen begann.

Martin Glück Flöte
Márton Végh Flöte
Simon Strasser Oboe
Erich Wagner, Klarinette
Miguel Pérez Iñesta Klarinette
Christoph Enzel Saxophon
Stefan Siebert Fagott
Ulrich Jäger-Marquardt Kontrafagott
Johannes Lamotke Horn
Takeda Mai Trompete
Florian Juncker Posaune
Guillaume Vairet Schlagzeug
Daniel Göritz Gitarre
Yoriko Ikeya Klavier
Biliana Voutchkova Violine
Stephan Kalbe Violine
Jean-Claude Velin Viola
Anna Carewe Violoncello
Matthias Bauer Kontrabass
Andre Bartetzki Klangregie

Vladimir Jurowski
wurde in Moskau geboren und studierte in seiner Heimatstadt sowie in Dresden und Berlin bei Rolf Reuter (Dirigieren) und Semion Skigin (Chorleitung). 1995 debütierte er beim Wexford Festival sowie am Royal Opera House Covent Garden. Von 1996 bis 2001 war er Mitglied des Ensembles der Komischen Oper Berlin (1997 Erster Kapellmeister). Bereits seit 1997 zu Festivals und auf international führende Bühnen eingeladen (unter anderem 1999 Debüt an der Metropolitan Opera New York), wurde er 2001 Musikdirektor an der Glyndebourne Festival Opera (bis 2013) und 2003 Erster Gastdirigent beim London Philharmonic Orchestra (2007 Chefdirigent). Das Orchestra of the Age of Enlightenment verlieh ihm den Titel “Principal Artist”, von 2005 bis 2009 war er Erster Gastdirigent beim Russischen Nationalorchester, von 2000 bis 2003 Erster Gastdirigent am Teatro Comunale di Bologna. Mit Beginn der Saison 2017/18 wird Vladimir Jurowski Chedfirigent und künstlerischer Direktor beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Einladungen führten ihn unter anderem auch zu den Berliner, Wiener, Rotterdamer und Osloer Philharmonikern, zum Royal Concertgebouw Orchestra, zum Gewandhausorchester Leipzig, dem Chamber Orchestra of Europe, der Dresdner Staatskapelle, zum Los Angeles Philharmonic, Pittsburgh Symphony und Philadelphia Orchestra, zum Chicago Symphony und zum Cleveland Orchestra. Er dirigierte an der Mailänder Scala, am Bolschoi Theater in Moskau, an der Semperoper Dresden sowie an Opernhäusern unter anderem in Paris und München. 2015 leitete er auch mehrere Konzerte mit dem Konzerthausorchester Berlin.
2007 wurde er als „Conductor of the Year“ mit dem „Royal Philharmonic Society Music Award“ ausgezeichnet. Vladimir Jurowskis Diskographie umfasst unter anderem alle Brahms-Sinfonien, Mahlers Erste und Zweite, Tschaikowskys Erste, Vierte, Fünfte und Sechste, Zemlinskys „Florentinische Tragödie“ sowie Werke von Rachmaninow, Turnage, Holst, Britten, Vaughan Williams, Schostakowitsch, Honegger, Haydn, Mendelssohn, Schnittke, Meyerbeer, Kancheli und Julian Anderson. Des Weiteren erschienen zahlreiche CD- und DVD-Produktionen mit Opernproduktionen unter seiner musikalischen Leitung.