27. März 2017, 20.00 Uhr
Konzerthaus Berlin, Werner-Otto-Saal



ENSEMBLE IN RESIDENCE
VLADIMIR JUROWSKI, Artistic Advisor



Russisches Roulette

Wie oft springt man in einem Menschenalter dem Tod von der Schippe, ob es „nur“ die Karriere oder gar das Leben betrifft? Wie oft hat man in sechs solcher Fälle das Glück, nicht "die Kugel" zu erwischen - unabhängig davon, ob dies im Angesicht der Gefahr oder ihr ahnungslos gegenüberstehend passiert? Edison Denisov jedenfalls hatte es erlebt, nach einem Unfall, der sich als denkwürdige Markierung ins Gedächtnis der jüngeren russischen Komponistengeneration eingebrannt hat: Im Juli 1994, im Zusammenhang mit den Proben zur Uraufführung seiner 2. Kammersinfonie, wurde Denisov durch einen Autounfall so schwer verletzt, dass kaum jemand an die Möglichkeit seines Überlebens glaubte. Aber es geschah das Wunder: Er schaffte es ins Leben zurück.

Ganz und gar vom Schicksal getroffen wurde Georgy Dorokhov, "einer der talentiertesten und aufrichtigsten russischen Komponisten der jüngeren Generation" (A. Safronov), der sich nicht scheute, mit radikalen Werken entschieden Position zu gesellschaftlichen Entwicklungen in seinem Land zu beziehen. Er starb 2013 im Alter von nur 28 Jahren.

Und Anton Safronovs CHRONOS … - TRAUM (Ewiger Zorn der laufenden Zeit) spricht genau von der Rasanz des Lebens, von der Zeit, über die wir keine Gewalt mehr haben, von der Zeit, über die wir noch keine Gewalt haben und nichts von ihr wissen ...

Weiter zurück auf der Zeitleiste: Nicht wenig riskant war es für Galina Ustvolskaya, 1949 als dreißigjährige Komponistin in der Sowjetunion ein Werk wie das Oktett zu schreiben - persönlich isoliert, außerhalb jeder aktuellen Norm, wenn auch irgendwie unter dem erklärten Schutz des großen Dmitri Schostakowitsch stehend. Man kann davon ausgehen, dass für eine solche Entscheidung mehr als nur eine Patrone in der "Maßnahmen"-Trommel des politischen Systems bereitlag, die die Karriere einer jungen Künstlerin mindestens beendet, wenn nicht weitere Konsequenzen gezeitigt hätte.



Konzeption: Andreas Bräutigam